Hier finden Sie Texte aus den BlaueStunde-Lesungen des Jahres 2005, Teil A, von


Elisabeth Esch       Karl Farr        Erwin Gehrmann          Anna Jakubowicz   

Lev Kazarnovskij      Helen Stahlschmidt        


      
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2004    und   2005
  
      
 







Lebensreise


Du bist jung und stehst

am Anfang deiner Lebensreise.

Deine Tasche ist gepackt mit Träumen,

mit Broten für den Lebenshunger

und Wasser für den Wissensdurst.

Du wartest am Straßenrand der Hoffnung,

dass das Glück dich abholt.

Doch nur die Laster des Lebens halten an,

wollen dich mitnehmen

auf der Überholspur

der asphaltierten Gefühle.

Ihr Profil ist längst abgefahren.

Der Tachometer der Versuchung steigt.

Du gehst zu Fuß.

Meilensteine ziehen vorbei,

Steingesichter, weiß und fahl,

ohne Ausdruck, nur mit Hohn,

zeigen die verlorenen Jahre.

Wegweiser zeigen dir rechts und links:

Nirgendwo und Niemandsland.

Du wählst die Umleitung

und gehst weiter.

Zugvögel fliegen am Horizont.

Vielleicht kehrt mit ihnen die Hoffnung zurück.



Helen Stahlschmidt







Zeitenwechsel

Die Zeit ist schon seit Anbeginn
des Menschen strenge Lehrerin.
Sie lehrte auch das erste Paar,
das leider unbelehrbar war,
weshalb man es sogleich verstieß
aus seinem schönen Paradies.

Ein Zeitenwechsel stand dann an.
Die Zeit der Fronarbeit begann.
Drum lehrte uns die Zeit sofort,
maloche sei der Massensport,
den jetzt die Menschheit dringend braucht,
damit der Schornstein kräftig raucht.

Wohl oder übel sah man ein:
Maloche muß in Zukunft sein,
und lange gabs davon genug,
so daß man sich durchs Leben schlug.
Man schaffte brav, man blieb am Ball
bei jedem Zeitenwechselfall.

Noch mancher Zeitenwechsel kam -
mal hoffnungsvoll, mal flügellahm.
Doch jede Lehre wurde alt,
der Schornstein, der einst rauchte, kalt.
So wird der nächste Wechsel wohl
zum Rendezvous am Kältepol.

Denn diesmal hat die Zeit gepatzt.
Wem aber jetzt der Kragen platzt,
nach diesem Zeiten-Wechselbad,
der hört vielleicht: kommt Zeit, kommt Rat,
was selbst für einen Optimist
nur mühsam nachvollziehbar ist.

Wer trotzdem auf ein Wunder hofft,
hat schlechte Karten, wie so oft.
Die Trümpfe sieht er zornentbrannt
beständig in der falschen Hand.
Ihm schenkt die Zeit das Luschenblatt,
das sie splendid im Ärmel hat.

Wenn man den Wechsel bilanziert
und das Ergebnis nicht frisiert,
dann ist der Weisheit letzter Schluß,
daß man die Zeit totschlagen muß.
Ein paar Beherzte tun das schon -
bezahlt: ein Euro Stundenlohn.




Spätes Glück

Der Arzt hat Schorch das Bier verboten,
weil ihm sonst böse Folgen drohten.
Warum der Schorch sich daran hält?
Er hat ja ohnehin kein Geld.

Mißmutig zählt er seine Kröten.
Viel Zeit dazu ist nicht vonnöten.
Drei Mark sind es am Ende bloß,
und davon kauft sich Schorch ein Los.

Fortuna ist ihm wohlgesonnen.
Der Schorch hat tausend Mark gewonnen,
und schon ist die Moral dahin.
Nur Kneipe hat er noch im Sinn.

Hier hat der Schorch dann unverdrossen
den warmen Regen kühl genossen.
Natürlich tat er's nicht allein;
auch die Kumpane lud er ein.

Die soffen mit und gar nicht feige.
So manches Faß ging da zur Neige;
und Schorch, dem man das Freibier dankt,
ist morgens glücklich heimgewankt.

Des Arztes Warnung unterdessen
hat er beim Bier total vergessen.
Sechs Tage hielt’s die Pumpe aus;
dann kam der Schorch nicht mehr nach Haus'.

Ein Schutzmann hat bei seinen Runden
den Schorch auf einer Bank gefunden.
Da lag er, selig ausgestreckt,
mit einer Zeitung zugedeckt.

Der Polizist wünscht 'guten Morgen';
nur bleibt es ihm nicht lang' verborgen,
daß sich der Schläfer nicht mehr regt,
was einen Unfall nahelegt.

Der Arzt, der Schorch das Bier verboten,
steht fassungslos vor einem Toten,
wobei er sich zu Gleichmut zwingt,
weil Schorch nach Bier und Kneipe stinkt.

Leicht fällt dem Arzt die Diagnose.
Doch dieser gänzlich Ahnungslose,
hat eines dabei nicht erkannt:
das späte Glück, das Schorch noch fand.

Das Ende seiner Erdentage
war traumhaft, dank der Saufgelage,
und er genoß sie froh und forsch.
Friede deiner Asche, Schorch.


Erwin Gehrmann







sag keiner mir etwas von der Liebe

sie ist wie die Pest

wie ein Fluch der Götter

Rache für ein kleines irdisches Leben

sag keiner mir etwas von der Liebe

sie ist wie das Feuer der Hölle

wie eine tödliche Wunde

sprecht nicht von der Liebe

seid still

seid still

seid still




Anna Jakubowicz







D1962 (Sturmflut)

Weißt du noch ?

Als man durch das Heulen des Sturms die Martinshörner ununterbrochen hörte?

Hamburg war unter Wasser.

Und auch bei uns waren die Deiche gebrochen.

Großvater lag im Sterben.

Und wir Kinder standen beieinander und lauschten dem Treiben.

1994









Auf dem Rummel

Steigen wir ins Drachenboot,
lassen wir es krachen, Lot.
Kettenkarussell und Achterbahn
Haben es uns angetan.
Hau-den-Lukas das ist fein
Gehen wir ins Bierzelt rein.
Die Musik spielt, das Bier ist super
Fahren wir noch Auto-Scooter,
Als Letztes noch ein Herz auf die Brust,
geht's nach Hause ohne Frust.
Nächstes Jahr machen wir auf dem Rummel
wieder einen wunderschönen Bummel.

März 2004

Bombendrohung

Gestern war eine Bombendrohung am Bahnhof. Ich war in der City in die U-Bahn gestiegen, um zum Hauptbahnhof zu gelangen. Mir gegenüber saß eine Blonde mit kurzem Haar, in einer Jeans und mit weißem Pullover, die mich ab und zu musterte.

Nach der letzten Station vor dem Hauptbahnhof gab der Schaffner plötzlich durch, dass er „durchfahren" würde. Warum und weswegen sagte er nicht. Keine Unruhe oder Unmutsäußerungen in der Bahn.

Tatsächlich fuhr er beim „Hauptbahnhof“ durch und ich sah, dass diese Station menschenleer war. Erst an der nächsten Station erfuhren die Fahrgäste von einem Sicherheitsmitarbeiter, dass es Bombenalarm gegeben hatte.

So blieb mir nichts anderes übrig, als die Zeit sinnvoll totzuschlagen, um dann nach Aufhebung des Alarms meine Fahrt fortzusetzen. Das Ganze hat über eine Stunde gedauert.

März 2004


Karl Farr









Ein letztes Mal


Deine müden Hände halten

den letzten Blumenstrauß

umwunden mit abgebeteten Perlen

deines alten Rosenkranzes

ein letztes Mal

Abschied nehmen

zweifelndes Hoffen

auf ein Widersehen

jenseits der Dunkelheit





Merksatz


Blind folgte ich

deinem Duft

Rose sagen die Menschen zu dir

ich griff nach dir

mit deinem Dolch

stachst du mich blutig

ich merke mir

Rosen tragen

gefährliche Waffen





Hoffnung


eine einzelne gelbe Rose

blüht geschützt

vor der Tannenhecke

in den Herbst

blüht

trotzt erstem Frost

blüht

als gäbe es

kein Morgen






Häutung



Ich entblättere mich

Blatt für Blatt

keines unbeschrieben

Schicht für Schicht

die Haut wird dünner

durchlässiger schutzloser

vor Außeneinflüssen

saurer Regensprache

manchmal frage ich mich

bin ich Rose Margerite oder Zwiebel






Das Röslein


Wenn am Fluss die dunklen Unken

abends in das Wasser tunken

sitzen Fröschlein auf einem Blatt

kommt ein Storch und frisst sich satt

spinnt sich die Spinne einen klebrigen Faden

fürs Netz will sich an Fliegen laben

unter Wasser die Forelle

schnellt heraus mit Windesschnelle

glaubt eine Fliege gefangen zu haben

hängt an einem Angelhaken

singt die Nachtigall im Strauch

das hört die schwarze Katze auch

Raubvögel kreisen hoch im Blau

Feldtiere verlassen den Bau

auf Nahrungssuche für die Brut

das tut nicht gut

am Abend schießen Jäger Hasen

die über grüne Felder rasen



ach ja das Röslein

sah ein Knab’ ein Röslein stehn

ihr wisst was dem Röslein ist geschehn



Elisabeth Esch










Den Genüssen zahlen wir ihren Zoll:
All die Tonnen verdauter Fette,
all die mit Alkohol und Lüsternheit verbrachten Nächte machen sich schließlich bemerkbar.
Dem einem schmerzen die Knochen vorm Gewitter,
beim anderen mehren sich die Rettungsringe am Bauch ...
Es stimmt nicht, dass uns die Jahre älter machen!
Die Jahre rächen sich bloß unbarmherzig an uns!



Ein Blick aufs Gruppenbild -
Und jeder meint dasselbe:
Die anderen sind gut getroffen, keine Frage,
er persönlich aber sehe sich überhaupt nicht ähnlich!
Da sollte jeder doch begreifen,
dass man den Spiegeln gar nicht trauen darf!
Man ist nämlich sogar noch viel hässlicher
als in seiner Vorstellung.


Es gibt nicht selten Zeitgenossen,
um deren Verstand die Tränen flossen.
Nur sind bloß die für uns Verrückten
von unserer Verrücktheit überzeugt.
Wer hat denn Recht? Wem soll geholfen werden?
Wo ist der Richter, dessen Urteil zählt?
Und kann es sein, dass auf dieser Erde
kein einziger unter "Normale" fällt?



Rühr den Ameisenwinzling nicht an,
verschone den Vogel im Walde,
denn es ist nicht dein Verdienst,
dass du als Mensch geboren wurdest.
Auf die Welt kommt man blind,
unwissend, wo eigene Wurzeln verborgen liegen.
Jeder Wallach hätte Vater werden können,
hätte man ihn nicht kastriert!



Wir kennen unzählige Beispiele,
die diese Erfahrung belegen:
Ab irgendeinem Punkt wird immer klar:
Auch ein zigfacher Millionär braucht im Grunde nicht viel. Auch die Grenzenlosigkeit stößt irgendwann an ihre Grenzen, irgendwann wird man immer des Ersehnten überdrüssig.
Nur das Geld betrifft diese Regel nicht.
Egal, wie viel man hat, es ist nie genug!




Lev Kazarnovskij

(Aus dem Russischen von Ludmila Kloss)