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Texte aus Lesungen 2007 (Seite 1/07) von:

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Konkurrenz für Hellenbrock



In meiner Nachbarschaft gibt es für jeden Bedarf ein Geschäft: einen Friseur, ein Ärztehaus, eine Apotheke, einen Lebensmittelladen, eine Imbissbude, einen Kiosk, ein Café, eine Kneipe, einen Fleischer, einen Bäcker. Ich betone: einen Bäcker.

   Denn als ich jüngst Brötchen kaufen gehen -, als ich dieses Ritual pflegen wollte, von dem mich auch Aufbackbrötchen und Müsli nicht abbringen, sah ich, dass sich die Zahl der Anbieter verdoppelt hatte. Ein Geschäft mit dem Namen „Gutmanns Backfabrik“ hatte eröffnet, und vor den gläsernen Türen, den wohlgeordneten Auslagen und der kühl wirkenden Einrichtung standen die Kunden Schlange. Den Grund dafür erkannte ich schnell: Die Brötchen waren erheblich billiger als bei Hellenbrock – dem bisher einzigen Anbieter im Viertel.

   Da ich nicht zu viel Geld habe und zudem offenbar gern dem Reiz des Neuen erliege, stellte ich mich an. Ich nahm drei Brötchen, sparte ein Drittel des üblichen Preises und betrachtete den Kauf als ersten Sieg an diesem noch jungen Tag.

Doch Hellenbrock reagierte schnell: Bereits am nächsten Morgen waren die Auslagen umdekoriert, waren die Verkaufsräume lebendiger, bunter, poppiger. Die Verkäuferinnen – gestandene Damen um die fünfzig – trugen neue Kittel, solche, die Mädchen um die sechzehn gut gestanden hätten. Ein großes Plakat „Frisch – Frischer – Hellenbrockfrisch“ kündete von der neuen Zeit. Die Brötchen waren zwei Cent billiger das Stück als bei der unerwünschten Konkurrenz, und reumütig und voller Schuldgefühle kehrte ich zu meinem Stammgeschäft zurück. Die Verkäuferinnen begrüßten mich freundlich und mit Namen wie einen verlorenen Sohn. Ich nickte und gelobte dem Geschäft im Stillen ewige Treue.

Mein Entschluss hielt jedoch nicht lange: Bereits am nächsten Tag hatte die Backfabrik die Preise gesenkt. Ungläubig blieb ich stehen und überlegte, was zu tun sei, dann ging ich hinein und befreite einige Brötchen mit der Kneifzange aus ihrem Plastikverschlag. Der Betrag, den ich zahlte, verdiente kaum mehr die Bezeichnung „Kaufpreis“, eher war es eine Schutzgebühr. Im Hinausgehen traf mein Blick den der Hellenbrock’schen Verkäuferinnen, und beschämt sah ich zu Boden.

Glaubte ich, nun die richtige Entscheidung getroffen zu haben, änderte sich meine Überzeugung schon am darauffolgenden Tag: Die Schlange der Kunden vor „Hellenbrock“ war doppelt so lang wie die vor „Gutmanns Backfabrik“; ich wusste nicht, ob ich den Verkäuferinnen noch einmal unter die Augen treten konnte, und ähnlich wie mir schien es vielen Kunden zu gehen: Sie näherten sich zögernd, die Scham war ihnen ins Gesicht geschrieben.

   Ich fragte die vor mir wartende Frau, was los sei, und verschwörerisch raunte sie mir zu: „Einfache Brötchen fünf Cent.“

Und die komplizierten? - wollte ich erwidern, verkniff es mir jedoch und kicherte leise.

   „Da freut sich das Kundenherz, was?“, sagte sie, ich nickte. Tatsächlich waren alle Preise gesenkt, teilweise um mehr als die Hälfte, nur im Cafébereich nicht, wozu auch – die Backfabrik besaß kein Café.

„Gutmanns Backfabrik“ versuchte es mit einer Offensive der Argumente: „Frischer geht’s nicht“ las ich am Nachmittag desselben Tages auf einem großen Plakat. Auf einem weiteren stand: „Permanentes konsequentes Frischbacken“, und die Brötchen kosteten gerade mal eineinhalb Cent. Mit Tüten voller Brötchenpaare verließen die Kunden das Geschäft. Dem Herdentrieb folgend reihte ich mich ein, und mit sechs statt wie üblich drei Brötchen kam ich wieder heraus.

Hatte ich geglaubt, nun Ruhe zu finden, wurde ich am nächsten Morgen eines Besseren belehrt: Ein überlebensgroßer, gelber Spatz, mit einer roten, spitzen Nase, wulstigen Händen und dem Schriftzug „Frisch – frischer – Hellenbrockfrisch“ auf dem Rücken verteilte Gutscheine, die für jeden Einkauf zwei Brötchen gratis versprachen. Hielt ich Spatzen bislang für kleine flinke Wesen, die über die Tische von Cafés huschen und Krümel aufpicken, war es unmöglich, diesem Spatzenmonstrum auf dem Weg zu den Bäckereien auszuweichen. Kaum vorstellbar, dass sie auf diese Weise noch etwas verdienten, doch ich sagte mir, dass nicht ich, der Kunde, sich darüber den Kopf zu zerbrechen hatte.

   Die Angestellten der Backfabrik standen sich unterdessen die Beine in den Bauch, ihre Minen verrieten, dass sie nicht gewillt waren, die Niederlage auf sich beruhen zu lassen. Hinter ihnen ging ein Mann, der in seinem blauen Hemd und seiner bunten Krawatte wie der Prototyp eines Filialleiters wirkte, nervös auf und ab.

Das Resultat des Entscheidungsfindungsprozesses: Brötchen umsonst, so viel das Herz begehrt, einziges Limit: Abgabe in haushaltsüblichen Mengen. Kinderreiche Familien waren nun im Vorteil: Ich sah schon die Kleinsten anstehen, des Laufens kaum mächtig, doch gerade in der Lage, eine Brötchentüte zu halten. Entnervte Eltern schütteten die Beute anschließend in Kisten und brachten diese in Sicherheit, bevor sie sich erneut anstellten.

Was machten sie mit all den Brötchen, froren sie sie ein, in der Furcht und Gewissheit, dass der Segen nicht ewig dauern werde? Doch jedes Sonderangebot lockte neue Kunden, und als Hellenbrock seine Brötchen ohne Limit zu verschenken begann, war kein Halten – und in den Straßen des Viertels kein Durchkommen mehr. Fahrzeuge mit auswärtigem Kennzeichen parkten vor den Geschäften, auf den Gehwegen, in den Einfahrten; Politessen verteilten Knöllchen, doch das Geschäft schien immer noch lohnend für die Käufer zu sein. Kunden in Nadelstreifenanzügen und dunklen Sonnenbrillen reihten sich in die Schlange ein, wieder andere sicherten den Rückweg, verständigten sich mit den Fahrern ihrer Kleintransporter per Funk. Ältere Menschen, von denen viele im Viertel lebten, blieben ängstlich abseits stehen, und einige von ihnen nahmen dankbar die Brötchen entgegen, die ihnen die Herren in Nadelstreifen zum vermeintlichen Sonderpreis überließen.

Einmal, nahm ich mir vor, einmal noch wollte ich mich anstellen und mit einem Vorrat eindecken, der für die nächsten Wochen reichte. Ich schubste ein weit vorn in der Schlange wartendes Kind beiseite, stellte mich in die Reihe und dachte voller Wehmut an den Brötchenkauf, wie er früher war, an die Stimmung am Morgen, die ersten Sonnenstrahlen, das Schwätzchen mit den Nachbarn, den Austausch von Neuigkeiten, den Duft von frischem Gebäck, den Nachhauseweg mit Brötchentüte und Zeitung unter dem Arm. Das alles gehörte einer vergangenen Epoche an.



Reinhard Strüven









Klüngel ohne Risiko

 

Das Klüngeln ist des Gauners Lust;
er ist sich keiner Schuld bewusst.
Denn vor den Schranken des Gerichts
weiß dieses Unschuldslamm von nichts.

Der Richter, der ihn freundlich mahnt:
Wo haben sie denn abgesahnt?,
hat dieses Schlitzohr tief empört:
Ich bin Minister unerhört.

Den Freispruch, den er dann verkündet,
scheint selbst dem Richter unbegründet.
Nur beim Minister drückt er dann
ein Auge zu, der gute Mann.

Der Richter wird bald Bundesrichter.
Das bringt zwar manchen auf den Trichter,
doch jeder hält das für normal,
und niemand wittert Unmoral.

So ist die Richtung vorgegeben:
Wer klüngelt, der kann sorglos leben,
und wer laut nach dem Kadi schreit,
den plagt wahrscheinlich nur der Neid.

Der Klüngel wird mit einem Wort,
zum lukrativen Leistungssport,
der Vorteil und Profit verheißt
wenn man auf Recht und Anstand scheißt.

 

 

 

Vom Händewaschen

 

Was, du willst Vertrauen wecken
und hast keinen Dreck am Stecken?
Mensch, du bist vom andren Stern
weltfremd, arglos, unmodern.

Dreck am Stecken hat doch jeder.
Nur du ziehst verbohrt vom Leder
und beschwörst fast klerikal
Sitte, Anstand und Moral.

Nein, bei solchen Zeitgenossen
ist der Fortschritt ausgeschlossen.
Gib und nimm heißt das Prinzip;
das beflügelt den Betrieb.

Deine sittlichen Bedenken
musst du dir in Zukunft schenken,
weil du dich ins Abseits stellst,
wenn du's mit der Tugend hältst.

Glaubst du, du seist unbestechlich
und nicht auch charakterschwächlich?
Was macht dich davor gefeit?
Mangel an Gelegenheit!

Unbestechlichkeit in Ehren,
aber die hervorzukehren
ist doch dumm und kleinkariert,
wo längst jeder jeden schmiert.

Politiker und Wirtschaftsboss,
Amtsperson und Adelsspross,
Abnehmer und Lieferant,
einer wäscht des andren Hand.

Grüne, Gelbe, Schwarze, Rote,
einer wäscht des andren Pfote.
Händewaschen - glaub' es mir,
schlägt leicht jedes Wertpapier.

Deshalb lass' auch deine waschen,
und es wird dich überraschen,
wie sich dieser Vorgang lohnt,
wenn man sein Gewissen schont.

Manchmal finden sich zwar Neider,
Knauser, Knicker, Hungerleider,
doch selbst die sind schnell bekehrt,
wenn man sie das Spielchen lehrt.

Kocht mal die Gerüchteküche,
merk' dir die bewährten Sprüche:
Nur Verleumdung, nichts ist wahr;
besser noch: kein Kommentar.

Lässt du dich trotzdem erwischen,
warst du beim Im-Trüben-Fischen
sicher nicht gewitzt genug.
Nun, durch Schaden wird man klug.

Sollte man dich gar verklagen,
geht es nicht um Kopf und Kragen,
denn ein guter Rechtsanwalt
verdreht geschickt den Sachverhalt.

Was du Gauner ausgefressen,
ist vergeben und vergessen.
Schon spricht der Richter frei.
Ja, er schmunzelt noch dabei.

Wohlverdient wirst du nach Jahren
viel Bewunderung erfahren,
denn du giltst als schlauer Fuchs,
wenn erst Gras darüber wuchs.

Gleichgesinnte, die dich schätzen,
werden dir ein Denkmal setzen
unverkennbar und prägnant.
Schotter in der hohlen Hand.



Erwin Gehrmann