zur DESTILLE                                                                                                       zurück                         

Texte aus Lesungen 2006 (Seite 3/06) von:

Disclaimer
bbb
Hier finden Sie die Gedichte:                     ... und hier gibt's noch mehr Texte
                                                 
aus  2004      
aus  2005           
aus  2006          
aus  2007
             







Das schöne und beinahe tragische Ende einer Schiffsreise


(An dieser Reisegeschichte, Mylord,
stimmt jeder Buchstabe, stimmt jedes Wort!)
Norwegen, Schiffsreise - Trip durch den Fjord.
Mister Townsend aus London an Bord.
Nettes Land, nettes Schiff, eine nette Runde.
Damen, Herren und auch ein paar Hunde.
Just, als Townsed kurz einmal fort geht
und eilig an einen gewissen Ort geht -
passiert´s, dass ein starker wind von Nord weht,
ein Sturm fast, der wie wild durch den Fjord weht
und einen kleinen Hund über bord weht
vom Platz, an dem auch sein Frauchen, Miss Cord, steht!

Entsetzen, Schrecken, ein Heidengeschrei -
in rasender Schnelle ist alles vorbei!
O Graus, o Schreck
- das Hündchen ist weg!
Die Ladies weinen (doch ganz ohne Grund),
sie schluchzen und weinen: Der arme Hund!
Ja, er ging über Bord, indes nicht baden,
sondern er wurde ohne größeren Schaden
gleich nachdem er über die Reling gegangen
ein Deck tiefer vom Smutje aufgefangen
auf dem Weg in den Tod
in seine Hundeherzensnot -
doch nun wieder in sicherem, gutem Hort!
Alles in Butter? Sure! Alles an Bord!

So geschah es einst wirklich, darauf mein Wort,
in der Nähe von Cronsborg, einem herrliche Ort.
So wurde es mir von Townsend erzählt.
Er ist mittlerweile mit Mary vermählt.
Mary? Miss Cord? Vom Hundchen das Frauchen?
Yes, mein Lieber! Genauchen, genauchen!

Reisen? Ja gerne, doch nie mehr zu See,
und schon gar nicht mit Bello!

                                                           Schifffahrt ade!



Ruth-Marion Flemming









Das magische Kloster (Auszug)



Die Wolkendecke war aufgerissen, und die Sterne glitzerten so golden, als wären sie blank geputzt worden von dem vielen Regen. Lana eilte in das Kafenion am großen Platz.
»Auf, Brüderchen«, rief sie ungestüm, »jetzt geht es noch einmal auf den Berg, denn dort oben werden wir wohnenl« »Aber wo denn?« fragte Jan ungläubig.
»Bei einem Franziskanermönch in einem Kloster. Er wartet am Hafen auf uns.«
Schon von weitem war die dunkle Gestalt in der langen Kutte zu sehen, die vor einem hellen Auto stand.
»Ich bin Pateras Joannis«, stellte er sich den Geschwistern vor, lud ihr Gepäck ein und hieß sie einsteigen.
Sie fuhren durch schmale, steil ansteigende Straßen bis zu einem Parkplatz, der sich im oberen Drittel des Berges befand. Dort ließ sie der Mönch aussteigen und das Gepäck ausladen, dann öffnete er mit einem großen Schlüssel eine rostige Eisentür, die in den Berg führte, und chauffierte das Fahrzeug in die dämmrige Höhle.
»Folgen Sie mir«, sagte er dann, als er die Tür wieder verschlossen hatte, und eilte mit wehender Kutte und großen Schritten vor ihnen her, durch einen Torbogen, tauchte ein in ein Labyrinth von Gässchen, die aus unzähligen Stufen bestanden, bog rechts ab und dann wieder links, führte sie hinauf und erneut ein Stückchen hinab, bis sie vor einem Torbogen anlangten, in dem der Eingang zum Kloster lag. Eine schwarze Katze saß in der offenen Tür und miaute.
»Kalispéra, Kapsina«, sagte Pateras Joannis und stieg, von der Katze gefolgt, eine breite, weißgekälkte Marmortreppe hinauf in den ersten Stock, den Salon, der den Mittelpunkt des Klosters bildete. Als hätte der Mönch es sehr eilig, nahm er mehrere Stufen auf einmal hinauf in den zweiten Stock, in dem sich der Zellentrakt befand. Kurz blickte er sich nach seinen Gästen um, bedeutete ihnen, die Rucksäcke abzusetzen und ihm zu folgen.
Sie betraten einen langen, schmalen Vorbau, der das Kloster mit dem Kirchendach verband und standen im Freien. Stattlich ragte der hohe Glockenturm in den nächtlichen Himmel. Lara und Jan schwiegen überwältigt. Zu ihren Füßen breitete sich Areopolis aus, dessen unzählige Lichter weit aufs Meer hinaus grüßten. Über ihren Köpfen sahen sie nichts als den klaren Nachthimmel, von unzähligen leuchtenden Sternen überzogen, die wie Diamanten glitzerten. Ein Hauch von Ewigkeit streifte die beiden. Verzaubert und gebannt blickten sie abwechselnd auf die Lichter der Stadt und hinauf zu dem faszinierenden Himmelszelt.
»Wie wunderbar«, murmelte Lara, die als erste die Sprache wiederfand, »es ist wie ein schöner Traum, aus dem ich nie wieder erwachen möchtel«
»Nun«, erwiderte der Mönch nach einer Weile, »gut, dass Sie die besondere Atmosphäre des Klosters spüren. Außergewöhnliche Dinge ereignen sich hier, aber davon ein andermal! Was man hier oben begreifen kann, ist die Philosophie des Kirchendaches ...
Hin und wieder nehme ich gegen einen kleinen Obulus Gäste auf, aber immer nur solche, von denen ich glaube, dass sie empfängliche Menschen sind und gelehrige Schüler der Universität des Daches sein werden. Wenn sie nach Hause zurückkehren, müssen sie diese Philosophie in ihr Leben integriert haben.«
»Und wann«, wollte Lara wissen, »ist die Universität geöffnet?«
»Von Beginn der Dunkelheit bis zur Morgendämmerung«, erwiderte der Mönch, und seine schwarzen Augen strahlten wie die Sterne am Himmel.
»Kommen Sie, ich werde Ihnen die Zellen zeigen, wo Sie sich häuslich einrichten können.«

 

Die beiden Räume hatten eine Verbindungstür, die offenstand. Aus den Fenstern sah man in den Garten, der jetzt nur vom Licht der Gestirne erhellt wurde. Weit unten lagen die beleuchtete Hafenmole und das dunkle Meer.
Die Zellen waren karg und dennoch heimelig. Die weißen Wände reflektierten das Licht, das zwei nackte Glühbirnen auf die dicken Mauern warfen. Ein Bett, ein Stuhl, ein zierlicher, blaugestrichener Schreibtisch, ein Wandschrank und ein Kleiderhakenbrett bildeten das einzige Mobiliar.
Der Mönch lehnte im Türrahmen und rauchte; seine lange, dunkelbraune Kutte verlieh ihm das Aussehen eines Zauberers. Die kurzgeschorenen, weißen Haare standen in seltsamem Kontrast zu dem schwarzen Bart, der fast völlig die Lippen verdeckte. Asketisch wirkten seine Gesichtszüge, nur in den dunklen Augen loderte ein Feuer von großer Intensität. Schweigend blies der Mönch den Rauch in kleinen Kringeln in den Raum, während er Jan und Lara zusah, die ihre Rucksäcke auspackten. Die Rauchkringel schwebten als weiße Wölkchen zum Fenster hinaus.
»Wenn Sie wollen, können Sie mit mir zu Abend essen«, sagte Pateras Joannis nach einiger Zeit.
Dankend nahmen die Geschwister das Angebot des Hausherrn an, immer noch von einem Zauber umfangen, den die alten Mauern des Klosters auszuströmen schienen. Als der Mönch sie später zu Tisch rief und im Refektorium Platz nehmen hieß, war es ihnen, als ob sie träumten. Alles war so unerwartet geschehen und doch wieder so, als sei es für sie vorbestimmt gewesen ...
Nach beendetem Mahl gingen sie hinauf, traten noch einmal auf das Kirchendach, um das strahlende Firmament als letztes Bild dieses ereignisreichen Tages mit hinüber ins Reich der Träume zu nehmen.



Durga Hoff-Ortstein

(1989)








Augenblicke

Augenblicke
Sind Schweigeminuten der Seele

Schwierigkeiten
Sind Drahtzieher

Mauern sind Seifenblasen




Der Punkt.

Auf ganz leisen Sohlen und mit Trippelschritten
Schleicht er dem Zwielicht hinterher
Der Himmelsspur auf den Fersen
Vertreibt er sich manchmal auch nur die Zeit
Bleibt stehen und geht
Punkt




Wenn ich aus mir geboren

Dem Strahlen in deinen Augen begegne
Und deine Wimpern
Wie feines Seidengarn sich stellen
Zwischen Himmel und Erde
Ist Frühling

Wenn ich aus mir geboren
Dem Luftzeichnen den Stempel nehme
Werden Graffitiwände zu Sonnenblumen
und die Schatten in meiner Straße
Zu Berührungen

Wenn ich aus mir geboren
Ist der Scheinwerfer ein kleines Quadrat
Und die Flächendeckung ein Kleeblatt
Ganz in meiner Nähe

 

                          

Birgid Maren Vogel






Einladung



Komm uns mal besuchen
hatte mein Freund
gemeint

zwölf Flugstunden
von der Heimat entfernt
Ankunft in Asien
Peking
zu Beginn

Nachmittags Side-seeing
Tien Mhin Platz
gegenüber der verbotenen Stadt
hier war das
mit den Studenten
als das Militär zugeschlagen hat
Unbehagen
Schweigen

Männergruppen in Blau vor den roten Fahnen
einer zupft an meinem Anorak
erwartungsvolle Blicke
ein Foto mit mir
ich nicke
erstes scheues Lächeln
Fotos
dann gemeinsam gelacht
Abschiedswinken
der erste Kontakt
wäre gemacht






Internationaler Kulturaustausch


Einst sah er eine Jungfer
mit Korallenlippen
an der Bar im Hilton Martini nippen
was er nicht sah
wie künstlich das Spiegelbild war

die Lippen mit Körpereigenem
in Belgien aufgespritzt
an ihrer Stirn und hinter den Ohren
feine Narben eingeritzt
die erzählen hier wurde Schlaffes
entfernt in Ungarn von Dr. Bernd

Perlenzähne auf Mallorca
aufs feinste überkront implantiert
die Bluse tief dekoltiert
Brüste wie Melonenhälften
im Vertrauen verriet sie mir
teuer sehr teuer waren sie ihr

die feinen Hände mit Nägeln lang und so rot
aus dem Nagelstudio in Venlo ein Angebot
das wallende Blond in Polen
verlängert gefärbt gesträhnt
zurechtgetrimmt
damit der Anblick stimmt

das Hinterteil griffig und rund
in London passend gesaugt
von Dr. Sigismund
die Beine lang und wie Seide so glatt
seine Augen sahen sich nimmer satt
so fein geformt schien alles an ihr
er musste sie kennen lernen
jetzt und hier

fasste sich ein Herz
ging zu ihr sprach sie an
schöne Unbekannte würdest du mit mir gehen
sie glitt vom Hocker und säuselte
geh lieber zu meinem Stylisten
und ließ ihn stehn

 

Elisabeth Esch

 






Blickpunkte

 

schwarze Kreise schlucken rote Kugeln
zwischen endlosen Geraden
endliche Körper
getarnt
im spiralförmigen Nebel
der fleischfarbene Lustgarten
zur sonnengelben Stunde
blaugoldene Träume
„Augengrün“ und „Rachenrot“
purpurne Zungen malen
honigfarbene Zeichen
flüstern Verse
zwischen elfenbeinerne Gesetze
geometrischer Dreifaltigkeit
gelingt der Durchbruch
in ellipsoide Räume
am Ende lauert ein
schillerndes Mosaik
in magischen Proportionen

 

 

Stichwort: Kern-Seife

 

Ich wasche
meine Hände
in Unschuld
immer wieder
immer öfter
immer häufiger
immer hektischer

 

mit biologisch abbaubaren,
rückstandsfreien,
geruchsneutralen
Lösungsmitteln

 

zu spät –
unsere Kinder
werden bereits
ohne Hände
geboren

 

Ingrid Schlüter

 






Dieses Gedicht wurde von der Geschichte bereits ein bisschen überholt.

 

Land - Unter Am Jangze

 

Die Schluchten des Jangze

Vor Menschengedenken

Zu ruhmreicher Schönheit vertieft

Gewachsen durch des Wassers emsige Arbeit

 

Vieles wird im Wasser verschwinden

Die Berge um etliches verkürzt

Schiffe werden schwimmen auf verbreiterten Flächen

Während Reis, Baum und Tempelberg versinkt

 

Noch fischen Fischer an schmalem Gestade

Noch nisten Vögel im schroffen Gestein

Noch ergießen Flüsse ihre Fluten in ursprüngliche Mündung

Noch bieten zahlreiche Höhlen Schutz

Noch begrünen Terrassen die sanfteren Hügel

 

Nicht mehr bewohnt sind die unteren Häuser

 

Bald wird alles ersäuft

 

(China Juni 2002 Auf dem Jangze zwischen Chongoing und Wuhan)

 

 

 

 

Heines Denkmal

 

Gestern reist' ich fast wie Heine

Von Gerresheim hinab zum Rheine

Und traf ein Mal an seiner Statt

Er war schon tot, der Kopf war ab

 

Ohne Körper ‑‑‑ ganz alleine

Ruht das Haupt von Heinrich Heine

Nahe bei am Schwanenmarkt

Die Stückelung zeigt sich apart

 

Narzissen waren stark am Frösteln

Tulpen sind bereits am Hüsteln

Auch Heine selbst ist recht verschnupft

Weil man ihn so arg zerrupft

 

Jedes Teil von seinem Kopf

Ziert ein bunter Blumentopf

Man hat ihm Sträuße dargebracht

Sie sind erfroren über Nacht

 

Keine Rosen ihn bekränzen

Viel zu kalt in diesen Lenzen

Keine Feder leicht entzupft

Der elenden Matratzengruft




3.3.2006 nachmittags 17.00h

 

 

 

 

Auf dem Flug nach Mexico August 2002 habe ich den

 

Sommer von Grönland gesehen

 

Das baumlose graubraune Gebirge

Mit Schneeflocken sommerlich geschmückt

Eisschollen wiegen im Wasser

Dem Lande weit entrückt

Flüsse streben zum Meer

Und ertrinken darin

Ein funkelndes eisschmelzendes Glitzern

 

Schon ist der Sommer dahin

 

 

 

Gunde Sander