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Texte aus Lesungen 2006 (Seite 2/06) von:

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Das Fest der Freude

 

Die Freude gab ein großes Fest.
Alle Freunde, Verwandte und gute Bekannte waren eingeladen.
Als das Fest richtig begann, ging die Freude auf ein kleines Mädchen zu, das in einer Ecke saß und gähnte.

„Das ist die Vorfreude“, sagte die Freude zu den Umstehenden, „sie hat mir sehr geholfen, die Vorbereitungen zu treffen, dass das Fest gelingt. Aber jetzt ist sie müde und muss zu Bett.“

„Och“ sagte die Vorfreude, „gerade jetzt, wo das Fest beginnt.“

„Wir feiern bald ein neues Fest, meine Schönste“, tröstete die Freude, „und dann bist du die Erste, die bei allen Vorbereitungen wieder dabei ist.“

„Oh ja“ sagte die Vorfreude und hüpfte in ihr Zimmer.
In den Augen der Freude leuchtete ein großes Licht.

„Wer ist das?“ fragten einige, die vor ihr standen.

„Das ist meine beste Freundin“ antwortete die Freude.

„Ja“ stellt sich das Licht vor, „ich bin die innere Freude. Ich wohne im Herzen der Freude.“

Die Freude fing an, ihre Gäste vorzustellen.

„Dies ist meine Mutter, die Zufriedenheit.
Mein Vater, der Frohsinn.
Frau Zuversicht, die Schwester meiner Mutter.
Herr Humor, der Bruder meines Vaters.
Das Zwillingspaar Glück.
Familie Heiterkeit, Familie Hochstimmung, das Ehepaar gute Laune, Familie Witz, Familie Spaß, Familie Dankbarkeit, Familie Fröhlich, alles gute Freunde von mir. Und nun wünsche ich, dass Sie mein Fest genießen.“

Sie wurden bald alle gute Freunde, feierten ausgelassen und waren guter Dinge.
Besonders um Herrn Humor und Familie Witz sammelten sich viele und lachten.

In einer Ecke saßen Frau Hochstimmung, Frau Heiterkeit und Frau gute Laune. Frau gute Laune erzählte: „Neulich habe ich Frau schlechte Laune und Frau Schadenfreude getroffen. Gut, dass sie nicht eingeladen sind, ich glaube, sie hätten nur gestört.“

Die Freude wurde gefragt, wie sie das alles für dieses schöne Fest geschafft habe.
Sie sagte bescheiden: „Ich habe nicht viel alleine gemacht. Vorfreude und Fleiß haben tüchtig mitgeholfen.“

Doch auch an diesem schönen Fest ging die Zeit nicht vorüber, und es kam die Stunde, da sie wieder Abschied nehmen mussten. Sie bedankten sich herzlich bei der Freude und versprachen alle, gerne bald wieder zu kommen.

Als sie gegangen waren, schaute die Freude in den Spiegel und sah das Licht in ihren Augen leuchten wie ein schöner Götterfunken.
„Ich bleibe bei dir“ sagte das Licht, ich wohne gerne in deinem Herzen.“




Elisabeth Gradowski









Der achte Schwabe

 

Wenn man abends nach Hause kommt, müde von der Arbeit, dann sehnen
sich Körper und Seele nach einer Erfrischung. Die meisten Menschen trinken
erst mal ein Glas Sprudel, stellen den Fernseher an. Aus Gewohnheit oder
Neugier? Viele Nachrichten, die aus aller Welt, sind unangenehm, finde ich,
und das Wetter ist eh immer das gleiche. Nein, damit möchte ich mich nicht
auch noch belasten.
Ich treffe eine bessere Entscheidung und trete vor mein großes Bücherregal.
Oft greift meine Hand nach einem Buch, das noch aus Kinderzeiten
herübergerettet wurde, ein Band voll mit alten Sagen. Wunderschön, wie sie
noch immer hervorkommen in ihrer Darstellung menschlicher Schicksale, aber
auch der Humor gerät nicht zu knapp. Am liebsten lese ich dann das Märchen
von den sieben Schwaben, amüsiere mich schelmisch über ihre Streiche.
Denn diese kleine Truppe wackerer Männer ging recht raffiniert vor. Sie stellte
sich zunächst dumm und übertölpelte dann gutgläubige Mitbürger, um
Gewinn daraus zu schlagen. In der Regel aber waren es die reichen Oberen, die
ihren Schaden davon hatten. Und eh die Sieben gefasst wurden, waren sie
schon längst über alle Berge. Hart an der Kriminalität vorbeigeschrammt, so
würden wir das heute nennen.
Einmal aber übertölpelten sie sich selbst auf nahezu peinliche Weise. Ihr
Anführer litt nämlich unter der fixen Idee, daß in einem Berg irgendwo dort in
Oberschwaben ein böser Drache hause, den man erlegen müsse. Als sie eines
Tages verdächtige Geräusche hörten, stürmten sie, bewaffnet mit ihrer Lanze,
drauflos und sahen nichts anderes als einen kleinen Hasen vorbeihoppeln. Der
schnupperte sogar noch keck an der Lanzenspitze. Verlegene Gesichter
ringsum, und diese schiefgelaufene Aktion führte zu einer ersten Krise in der
Gruppe.

Du könntest dort ja eigentlich mal Urlaub machen, sagte ich mir, da unten in
der heiteren Provinz. Die Landschaft soll sehr reizvoll sein, der bodenständige
Wein sei nicht zu verachten, heißt es allgemein. Und in Gedanken reimte ich
schon: Ob heute noch die Sieben Schwaben verwegen durch das Ländle traben?
Der Sommer stand vor der Tür. Kurzentschlossen bepackte ich meinen alten
Klappergaul, der unsäglich viel Benzin schluckte, und ritt los. Das Quartier
hatte ich bereits per Telefon ausgemacht. Nun, nach Baden-Württemberg
tuckert es sich ziemlich, doch bald hinter Stuttgart sieht der Reisende
mächtige Weinberge in den Himmel ragen, stolz ihre Pracht zeigend. Der
Anblick entschädigt für die Strapazen, ja bewirkt ein sanftes Prickeln auf der
Zunge in Vorahnung kommender Köstlichkeiten.
Sie müssen sich sicher noch ein bißchen eingewöhnen, sagte der Wirt, wie ich
durch den Eingang des Gasthofes trat. Sein Inneres ließ Staunen in mir
aufkommen, denn überall waren die Wände, die Flure und selbst das
Treppenhaus mit antiken Möbelstücken zugestellt. Mit Vitrinen, aus denen
Porzellan hervorschimmerte. Und darüber hing in Halterungen uraltes
Waffenzeug, Pulverbüchsen und Armbrüste.
Mein Großvater galt als passionierter Sammler, fuhr der Wirt fort, unser Haus
gleicht einem Museum, aber die Gästezimmer sind modern eingerichtet. Die
Menschen wollen es im Urlaub ja bequem haben, denken heute ganz anders.
Bei Vergnügungen geht es manchmal etwas außer der Reihe her, wissen Sie. Er
zuckte die Achseln: Man kann sich seine Gäste nicht immer aussuchen.
Was es mit der Herumdruckserei auf sich hatte, sollte ich nur allzu bald
erfahren. Ein Kegelklub war es, der sich gerade im Gasthaus einnistete, mit
Männern so mittleren Alters und aus der Gegend stammend. An sich nichts
Ungewöhnliches, Kegelvereine trifft man heute überall. Diese Herren aber
fielen sogleich unangenehm auf.
Sie polterten schon auf einer Kegelbahn ganz in der Nähe herum, kreischten
laut dabei. Der Tag begann für sie mit dem Abstauben von Weinetiketten, dem
Trinken aus Flaschen unter Zuhilfenahme von langen Strohhalmen. Mittags
ließen sie sich in den Restaurants Berge von Butterspätzle servieren und
danach ging´s ans Kartenzocken in einem Kaffeegarten. Dort warfen sie den
jungen Kellnerinnen oft freche Sprüche hinterher, peinlich in ihrer
Eindeutigkeit.
Wie kann man nur so wenig Anstand wahren, entrüstete ich mich. Wenn das
die guten alten Schwaben noch erlebt hätten, sie wären vor Scham im Boden
versunken! Nein, mit solchen Leuten wollte ich nichts zu tun haben, überhaupt
nichts.
Von der Landschaft jedoch, von der lieblichen Landschaft war ich mehr als
angetan. Und die vielen Wanderwege durch die Höhen auf und ab verlockten
zum Marschieren. Dabei tauge ich eigentlich nicht dazu, bleibe viel zu oft
stehen, erfreue mich an einer Baumgruppe oder an einem alten Bildstock.
Wenn eine von diesen kleinen Barockkirchen vor meinen Augen auftaucht,
zieht es mich in sie hinein. In der ersten Reihe sitzt eine Frau, ihr Haar von
einem dunklen Tuch verhüllt. Ein Mann tritt vor den Altar, kniet nieder und
beginnt zu beten. Wann hast du das letzte Mal gebetet, frage ich mich dann.

An einem Nachmittag kehrte ich schon zeitig wieder zurück, denn meine Füße
lahmten in der Sommerhitze. Das Eßzimmer zeigte sich noch leer und auch die
Kaffeetassen waren noch nicht aufgedeckt. Ach so, der Wirt befand sich ja
heute ausserhalb auf einer Hochzeit, fiel mir wieder ein. Hielten die anderen
ein Mittagsschläfchen? Nur der Stundenschlag einer Pendeluhr klang durch
die Stille.
Da vernahm ich über mir ein seltsames Geräusch, wie wenn jemand nervös
mit einem Schlüsselbund klirrt, den richtigen Schlüssel findet und ihn in ein
Türschloss stößt. Er lief in das Zimmer, rannte hin und her, und ich hörte
Gepolter, dann den gepreßten Schrei aus der Kehle einer Frau: Zu Hilfe,
Polizei! In Gottes Namen, Hilfe! Gerangel darauf und ein dumpfer Schlag.
Mir war klar, es lag jetzt an mir, zu Hilfe zu eilen. Ich stieg die Treppe hinauf,
überlegte, sah eine Lanze an der Wand, riß sie aus ihrer Halterung und lief
nach oben. Die Waffe war schwerer als ich angenommen hatte. Es gelang mir
nur mit Mühe sie hochzuhalten, aber mutig stürmte ich drauflos.
Der Mann kam gerade aus dem Zimmer gelaufen mit einem Lederkoffer in den
Händen, blieb erschrocken stehen, wie er mich sah. Doch die Lanze riß mich
weiter. Dann prallte ich auf seinen Körper und das schwere Holz entglitt mir,
fiel krachend auf den Boden. Der Mann stürzte zur Seite. Wie furchtbar,
dachte ich, beinahe hättest du ihn schwer verletzt in deiner Blindwütigkeit.
Vom Lärm aufgescheucht lugten ein paar andere Gäste aus ihren Zimmern
und sie blickten mit aufgerissenen Augen auf das Geschehen: Was ist denn
hier los? Drei von den Kegelbrüdern erschienen ebenfalls auf dem Korridor,
diesmal ausnahmsweise etwas nüchterner. Wir alle umringten den Mann, der
da am Boden saß und den Koffer umklammert hielt. Er sah uns mit trotzigem
Gesichtsausdruck an, und stumm.
Nein, wir benachrichtigten nicht die Polizei, rief die überfallene Dame, das
bringt nichts. Sie trat herzu, strich ihr arg zerzaustes Kleid glatt. Der Knoten
auf ihrem straff nach oben gekämmten Har verrutschte, doch sie schien sich
zu beherrschen.
Wie bitte, fragte ich empört und noch ganz außer Atem, das hier war ein
kompletter Raubüberfall. Wir müssen sofort die Polizei rufen und den
Übeltäter festnehmen lassen. Wer weiß, was er schon alles angestellt hat.
Die Dame unterbrach mich: So sollten wir nicht vorgehen, nein. Sie sehen
doch, in welch trauriger Verfassung sich dieser Mann befindet. Wenn wir ihn
der Polizei übergeben, würde das die Sache nur noch schlimmer machen, die
Zukunft wäre ihm verbaut. Es wäre besser, wir fragten ihn zunächst, warum er
sich so verhält. Dann können wir ihm vielleicht weiterhelfen.
Vielen Dank für Ihre Predigt, entgegnete ich, hört sich toll an, ändert aber
nichts an der Tatsache, daß der Kerl straffällig geworden ist.
Die Frau hob den Kopf und sah mir fest in die Augen: Sagen Sie, haben Sie
noch nie etwas von tätiger Nächstenliebe gehört? Und sie faltete die Hände.
Noch immer schwieg der Mann, blickte uns nur staunend an, wie angewurzelt
am Boden hockend. Ein kurzer Augenblick der Stille, als die Leute da verlegen
von einem Fuß auf den anderen traten und nicht zu wissen schienen, welche
Haltung einzunehmen sei.
Dann näherten sich zwei der Schwaben dem Mann, sehr beherzt. Sie faßten
ihn bei den Armen, hoben ihn hoch und führten ihn die Treppe hinunter in
Richtung Schankraum. Auf diesen Scheck haben wir uns wohl ein tüchtiges
Gläschen verdient, lachte der eine. Die anderen folgten ihnen.
Ich blickte irritiert hinter ihnen her. Was hatte ich nur falsch gemacht, was
um alles und der Welt? Kommen Sie, sagte die Dame und legte ihre Hand auf
meine Schulter, ich denke, da gibt es für uns noch eine Menge zu tun.




Hartmut Herlyn









Die Musiktruhe

 

Vor diesem Möbelstück habe ich Stunden zugebracht, Hörte mit Hingabe meine Märchenplatten, eine nach der anderen. Es war eine Musiktruhe, im Stil der 60er Jahre, dunkelbraun-schwarz gemasertes Wurzelholz, schleiflackpoliert und auf hohen Beinen stehend, an deren unteren Ende sich jeweils ein Messingfuß befand. Sehr edel und filigran. Rechts und links hatte sie je eine Türe, die sich nach außen öffnen ließ. In der Mitte thronte der Lautsprecher und darüber das Radio mit dicken Tasten für die Sender, wie z.B. UKW. In der rechten Seite waren die Platten untergebracht, die Singles lose in Stoff­bezogenen Ständern, außerdem eine Schublade ohne Knauf, aber mit Eingriffsloch. In der linken Seite war das Objekt meiner Begierde, ... der Plattenspieler! Um nun eine Platte aufzulegen, öffnete man oben auf der linken Seite eine Klappe und die Türe links unten und konnte nun eine Scheibe von oben auf den Plattenteller legen, von vorne wurde das Abspielen gestartet, ablassen musste man den Tonarm mit einem kleinen Hebel. Das machte dann aber meine Mutter, ich hatte zwar die kleineren Hände, doch war ich immer so ungeduldig, dass die Gefahr bestand, dass die Nadel abrutschte und es entweder Kratzer auf der Platte gab oder sogar die Diamantnadel zu Bruch ging. Dies hätte für mich schlichtweg eine Katastrophe bedeutet, denn Fernsehen schauen durfte ich nicht viel. An diesem Plattenspieler gab es auch die Möglichkeit bis zu 10 Singles, also 45er Platten, hintereinander abzuspielen. Man steckte dafür in die Mitte einfach einen langen, dafür vorgesehenen Stab und stapelte oben auf die gewünschten Musikstücke. Dafür musste allerdings jede Single einen Stem in der Mitte besitzen. Falls das mal nicht der Fall war, löste man diesen einfach aus einer anderen Single und konnte ihn dann in die andere einsetzen. Wenn eine Single abgespielt war, der Arm zurückfuhr, fiel automatisch die untere Single des Stapels auf den Teller und der Arm fuhr wieder an die erste Rille heran, senkte sich und es ertönte erneut Musik... oder eben... Märchen... Dies wiederholte sich, bis alle Singles heruntergefallen waren, faszinierend für mich, zumindest damals... obwohl... insgeheim heute auch noch. Die meisten meiner Märchenplatten waren allerdings so genannte Langspielplatten, bei denen funktionierte dies nicht. Diese liefen auf 33 Umdrehungen, übrigens ... auf  78 konnte auch umgeschaltet werden, nämlich für die schweren Schellackplatten, von denen meine Mutter noch ein paar besaß. Wenn ich vor diesem Wunderwerk der damaligen Technik saß und meinen Märchen lauschte... Rosenresli, Aschenputtel, Schneewittchen oder Dornröschen ..., untersuchte ich immer systematisch die gesamte Truhe und erkundete, was sich darin alles finden ließ, schließlich hätte sie ja auch aus einem Schloss voller Rosenranken, oder aus dem Rapunzelturm stammen können... In dem Fach neben dem Plattenspieler befanden sich Briefe, Schreibutensilien, es roch nach Holz, nach ein wenig Tabak und auch nach Schnaps, da sich zu früheren Zeiten, wie es sich für eine Musiktruhe gehörte, in der rechten Seite auch Alkoholika befunden hatten und die Truhe damals als Bar genutzt wurde. Die Oberfläche dieser Truhe war spiegelglatt, und wenn die 1. Seite abgespielt war, kam meine Mutter, drehte die Platte um und startete wieder, damit ich mit meinen Schokoladenfingern bloß keine Flecken auf die Front machte, denn das Polieren war viel Arbeit, ganz vermeiden ließ es sich dadurch aber nicht, meine Fingerchen waren manchmal schneller...

Dieses Möbelstück kam mir wie eine Schatztruhe vor, es steckten Kurzweil, alle meine Lieblingsplatten, aber auch Geheimnisse in ihr. Ich habe meine Mutter oft gefragt, ob ich dieses Möbel in meine eigene Wohnung mitnehmen könnte, sollte ich wirklich mal ausziehen versteht sich... sie erwiderte jedes Mal, dass sie ja dann keine Musik mehr hören könnte, wenn sie dann alleine wäre und das, nein, das wollte ich dann doch nicht. Doch später, ich war 14, als ein Regal mit einer modernen Musikanlage an Stelle der alten Truhe trat, hat niemand mehr darüber nachgedacht. Die Truhe wurde abgeholt und meine Mutter gab sie widerstandslos aus der Hand. Ich dagegen hatte immer das Gefühl, dass wir nicht alles herausgenommen hatten, ein Geheimnis hatten wir doch bestimmt übersehen, ja doch, ganz bestimmt...

 

Anmerkung: Nachdem ich den Text aus meiner Erinnerung heraus geschrieben hatte, dachte ich, dass ich dazu vielleicht ein Bild aus Kindertagen lege. Dabei entdeckte ich, dass meine Erinnerung mit den Bildern ganz und gar nicht konform ging. Sie war ganz anders, diese Truhe, ganz anders aufgebaut. Hatte meine Oma auch so eine Musiktruhe? Sah die so aus, wie in meiner Erinnerung? Ich weiß es nicht. Es gibt leider niemanden mehr, der es mir sagen könnte. Vielleicht ist aber auch die Wahrnehmung eines Kindes viel spannender und aufregender als die Realität, zumindest ist sie aus einem anderen Blickwinkel ...






Corinna Hoffmann-Nogai









Einmal sollte man

 

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müßte sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.

 

Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müßte sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.

 

Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müßte Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.

 

Es gibt beinahe überall Natur
(Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen)
Und so viel Wiesen, die trotz Sonntagstour
Auch werktags unbekümmert weiterblühen.

 

Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die andern aber finden, dass man müßte.
Es ist fast, als stünd man beim lieben Gott
Allein auf der schwarzen Liste.

 

Man zog einst ein Lebenslos zweiter Wahl.
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
Behutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man ... (Siehe oben!)




Mascha Kaléko











Ca. 1980


Neulich hatte ich ein eigenartiges - aber nettes Erlebnis. Es war in den Tagen, als es plötzlich so kalt wurde und selbst in Düsseldorf der Schnee länger als einen Tag liegen blieb. Als ich mich morgens zum Verlassen der Wohnung fertig machen wollte, hörte ich plötzlich auf meinem Balkon ein recht lautes Geräusch und Poltern und so eine Art von Rascheln. Ich sause zum Wohnzimmerfenster und sehe auf dem Boden des Balkons einen Weihnachtsengel sitzen - in etwas lädiertem Zustand.
"Du liebe Zeit" denke ich, "was tun?" Also, ich überlege nicht lange, öffne die Balkontür und bitte ihn hinein. Der war aber froh! Er nimmt auf meine Bitte hin Platz, wobei die ziemlich großen Flügel etwas hinderlich sind - die muß man so hintenüber legen - und nachdem es auf dem Sofa gar nicht klappen wollte, setzte er sich auf einen der leichten Sessel.
Ich machte uns ein Täßchen Kaffee und bot Plätzchen an. Ein paar Tage vorher hatte ich Spritzgebäck gebacken. Er zog jedoch ein Butterbrot vor. Es stellte sich dann bei der erst etwas stockenden Unterhaltung - ihr werdet dafür Verständnis haben, wann hat man schon einen Engel zu Gast - heraus, daß er zum erstenmal im Einsatz war, dadurch etwas unbeholfen und auch genierlich wegen des weiten Gewandes "und nichts darunter" - wie er vertraulicher werdend mitteilte - dazu natürlich barfuß, doch in seinem Zustand gegen Kälte unempfindlich es stellte sich also heraus, daß er ungeschickt auf unserem Dach dem Glatteis zum Opfer geworden war. Zum Glück fing ihn mein Balkon auf, da er vor Schreck vergaß, sich mit den ihm noch ungewohnten Flügeln abzufangen.
Er war mal Oberinspektor bei der Finanzverwaltung und hätte eigentlich eine Glatze und Bauch gehabt. Das war nun alles von ihm abgefallen und er war so, wie man sich einen Weihnachtsengel vorstellt. - Leider drängte die Zeit, er mußte wieder seinen Geschäften nachgehen - und ich ins Büro. Als er, nicht ohne sich vorher auf das herzlichste bedankt zu haben - ich murmelte was von "ist ja selbstverständlich" auf meiner Balkonbrüstung stand, tief Luft holte und bereits die schönen Schwingen ausbreitete, hätte ich beinahe nicht gewußt, wie sich recht verabschieden! "Hals und Beinbruch" erschien mir einfach unmöglich, "Gut Flug" albern, im letzten Augenblick fiel mir der passende Gruß ein: "Hosianna" rief ich, er lächelte - und dann hörte ich nur noch ein leichtes Rauschen und sah eine Art von Silberglanz entschwinden. -
Eine kleine Feder in der Art eines Flamingogefieders fand ich ein paar Tage später - und wer behauptet, sie sei von den Salzseen in der Nähe von Roquetas - na dem werde ich bei Gelegenheit ein paar passende Worte erzählen. Schließlich kann ich wohl nach diesem Erlebnis eine Engels- von einer Flamingofeder unterscheiden.




Hans-Dieter Mentzel











Wasserstellen


Wer getragen, gewiegt, gehalten wird im Wohligen, Warmen, Tag und Nacht, Monat für Monat ist mitten darin.
Suche beginnt erst nach der Vertreibung.

______

Zu bekannten Stimmen gesellen sich neue. Einige flößen Angst ein, lassen sekundenlang erstarren. Schrille Schreie zwingen vertraute Töne herbei. Schon sind sie da, sanft und melodisch strömen sie – alles ist gut.

 

Aus milchigen Schemen sickern farbige Formen; einige bleiben, andere treten hinzu und verschwinden wieder. Manche erfreuen, andere erschrecken. Dann suchen die Augen das vertraute Gesicht, ganz nah soll es sein.

 

Ganz nah ist der von Anbeginn vertraute Duft. Nahrung wird schnell gefunden, quillt köstlich und reichlich. Neues wird angeboten, misstrauisch geprüft. Alles Milde, Süße strömt hinab; Herbes und  Saures im Schwall nach oben.

 

Warm und weich ist die Umgebung. Bald wird sie erkundet; Kaltes, Heißes, Hartes, Spitzes, Wolliges, Glattes, Elastisches, Flüssiges, Klebriges. Wie gut, dass Zuspruch und Trost reichlich fließen.

                                                     ______

 

So wechseln Tag und Nacht, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Spiel und Pflichten. Eigenes Erkunden wird in Bahnen gelenkt und begrenzt von den Alten. Ihre Geschichten beglei­ten die frühen Jahre.

 

Jähes Aufbegehren unterbricht diesen Strom. Einzig das, was selbst erlebt wird, zählt. Weltschmerz, Kümmernis, Trauer, Hochmut, Überschwang und Zweifel erfährt jeder ganz allein für sich.

 

In welche Tiefen führt dieser Strudel? - Erst nach Rückkehr an die Oberfläche werden die Anderen wieder wahrgenommen.

 

Liebe reißt plötzlich alles mit sich, trägt auf himmelhohen Wellen ins Unendliche. Liebe lässt jubeln, taumeln, trunken sein vor Wonne, Tränen vergießen. –
Liebe wird stiller und tiefer. Liebe trägt Frucht, umhüllt das Werdende, erquickt das Entstandene. Liebe fließt ohne Maß.

                                             ______

 

Wohin aber diesen Strom lenken, wenn Ablösung, Ablehnung, Trennung erfahren werden? Versiegt er? Wo den eigenen Durst stillen? Wie soll Wein erquicken, wenn die Zunge nur Bitteres schmeckt? Wie können Tautropfen auf Rosen erfreuen, wenn die Augen trübe sind, und die Blumen ohne Duft? Muscheln entgleiten zitternden Händen. Warum ist alles so still?

Kühle Luft umsäuselt Wartende an offenen Fenstern. Sie ahnen weiße Wolken auf unendlichen Bahnen. Ihre letzte Suche hat begonnen.






Ilse Demny









Raja der Goldschmied


In einem fernen Land, in einer kleinen Stadt am Fuße der Schwarzen Berge wohnte einst ein junger Goldschmied, den die Menschen besonders mochten. Die Alten und Schwachen schätzten seine Hilfsbereitschaft, und die Jüngeren seine anmutige Gestalt und sein freundliches Wesen.
Raja war ein aufgeweckter Bursche, der schon recht früh vom Vater das Goldschmiedehandwerk erlernt hatte und mit seinen außergewöhnlichen Schmuckideen für ein bescheidenes Auskommen sorgen konnte.
Es bereitete ihm Freude, edle Steine behutsam mit Gold und Silber zu edlen Schmuckstücken zu verarbeiten.
Manchmal fand er einen Edelstein so faszinierend, dass er ihn besonders lange in seinen Händen betrachtete und streichelte. Dann bemerkte er, wie sein Herz vor Freude lauter pochte und wie ihm von dem Stein eine wohl tuende Kraft übertragen wurde. Doch oft zog es ihn hinaus in die Natur, zu den nahen Bergen mit Wäldern und Wasserläufen, wo sich Menschen und Tiere wohl fühlen konnten.

Eines Abends, kurz nach Sonnenuntergang, wollte er gerade die Brücke über einen schmalen Fluss überqueren, als er eine angsterfüllte Stimme vernahm: „Hilfe! Zu Hilfe! Hilf mir ! Sonst muss ich hier vor Hungr und Kälte sterben.“ Es dauerte auch nicht lange, bis Raja zwischen den Büschen am Ufer des Flusses den Rufer ausfindig gemacht hatte. Der kauzige Eremit, welcher in einer nahen Felsenhöhle hauste, hatte sich bei Holz Sammeln durch einen Sturz so verletzt, dass er nicht mehr laufen konnte. Raja beruhigte ihn und versprach sofort zu helfen.
Er fertigte aus Ästen und Zweigen eine Trage, befestigte den Verunglückten darauf und zog ihn vorsichtig in dessen Höhle. Schon bald lag der alte Mann gut versorgt unter warmen Decken und Fellen auf seinem Lager. Auf der Feuerstelle knisterte das brennende Holz, und eine Latrne erleuchtet die bescheidene Behausung. Auf einem Holztablett vor dem Lager stand ein großer Becher mit dampfendem Tee, daneben Brot und Käse. Zufrieden verabschiedete sich Raja und versprach ständig nach ihm zu schauen, bis er wieder laufen konnte. Dankbar schaute der alte Mann seinem Helfer nach und murmelte einen Segensspruch.
Aus den vielen Krankenbesuchen entwickelte sich zwischen beiden eine Freundschaft, die von Vertrauen geprägt war und die noch viele Jahre anhielt. Dann, eines Tages war auch für den Eremiten die Zeit des Sterbens gekommen und er überreichte Raja ein Kästchen mit den Worten:
„Weil du mir so viele Jahre in Freundschaft und Hilfsbereitschaft zugetan warst, will ich dir ein besonderes Schmuckstück schenken, das dich bei großer Gefahr beschützen soll. Trage es ständig bei dir und behaltes dieses Geheimnis für dich. Es ist ein großes Magisches Dreieck aus Gold, das an seinen Ecken mit starken Diamanten besetzt ist. Zeigst du mit einer der Ecken in Richtung der Gefahr und sprichst ´Greif ein, mein Stein!´, so wird sie dich nicht erreichen können, denn der Glanz der Steine und ihre Kraft werden den Angreifer blenden und schwächen.“
Bald darauf verstarb der alte Mann, und Raja begrub ihn in dem nahen Bergwald. Das magische Dreieck aber trug er an einer starken Kette an seiner Brust und fühlte sich von Stand an besonders stark.

Raja war so voller Tatendrang, dass er beschloss, endlich die Welt besser kennen zu lernen. Hinter den Schwarzen Bergen sollte es einen riesigen Kratersee geben, aus dessen Tiefen manchmal gewaltige Wasserfontänen in nie gekannter Höhe empor schossen. Nach sieben Tagen hatte er sein Ziel erreicht, wo ihn der See mit seiner geheimnisvollen smaragdgrünen Farbe in seinen Bann zog.
Plötzlich brodelte es aus der Tiefe, und eine riesige Wasserfontäne schoss mit lautem Getöse in den blauen Morgenhimmel. Es legte sich dabei ein feiner in allen Regenbogenfarben schimmernder Nebel über den See und verwandelte alles in eine Märchenlandschaft. Raja glaubte zu träumen. Die aufgewirbelten Wassermassen gaben einen Teil des Seegrundes frei, wo auf weißen und grün bemoosten Steinen wunderschöne Frauen saßen, die anscheinend ein Sonnenbad nehmen wollten. Eine von ihnen - mit einem prächtigen Diadem auf ihren blonden Locken - fing mit heller Stimme an ein Lied zu Ehren der Sonne zu singen, und die anderen summten leise mit und wiegten dabei ihren Körper im Rhythmus der Melodie.
Raja schaute wie verzaubert zu, bis sich die gewaltige Wasserfontäne nach einer langen Zeit wieder langsam senkte und die Oberfläche des Sees sich beruhigte und spiegelglatt vor ihm lag. Er musste jemanden finden, der ihm das Rätsel diese geheimnisvollen Sees lösen konnte.

Da entdeckten seine Augen auf einer Anhöhe die mächtigen Umrisse einer Festung oder eines Schlosses, und er hoffte dort die Antwort zu finden. Als er aber durch das schwere Eisentor den Innenhof betrat, merkte er bald, dass alles menschenleer war. Alle Räume des Schlosses wirkten wie ausgestorben, bis auf einen, in dem sich viele Käfige befanden. Viele Tiere kreischten durcheinander und schienen sich über seine Ankunft zu freuen. „Befreie mich aus meiner schlimmen Lage“, zischte eine Schlange ihm zu, „ich werde dich dafür auch reichlich belohnen!“ - In einem anderen Käfig fauchte ganz aufgeregt ein Leopard: „Bitte hole mich hier heraus, und ich will dir dafür stets dienen!“ - „Habe Erbarmen mit mir und öffne den Käfig, damit meine starren Flügel das Fliegen nicht verlernen! Du darfst dich dafür auch immer auf meine Hilfe verlassen!“ kreischte und schnarrte ein großer Greifvogel.
Nachdem sich Raja von dem ersten Schrecken erholt hatte, brach er mit einer Eisenstange die Käfige auf und befreite die Tiere. „Du musst wissen“, beeilten sie sich durcheinander zu erklären, „in Wirklichkeit sind wir ja Menschen! Ein böser Zauberer hat uns vor Jahren in Tiere verwandelt, weil wir als treue Diener unserer geliebten Prinzessin Namia verhindern wollten, dass sie mit ihrem ganzen Hofstaat in die Grotten unterhalb des großen Kratersees verbannt werden sollte - nur weil sie seine Liebe abwies. Er war stärker als sie, und nun wartet die arme Prinzessin dort unten, dass jemand kommt, der mächtigr als der Zauberer ist und sie mit ihrem Hofstaat wieder befreit. Nur alle sieben Stunden, wenn das Wasser des Sees als riesige Fontäne in den Himmel schießt, ist es ihr und den anderen vergönnt die Sonne zu sehen. - Lasst uns zum See eilen, ehe der Zauberer zurückkehrt!“, riefen sie ganz aufgeregt und entschlossen. „Wir müssen die Prinzessin befreien, komme, was da wolle!“
Raja presste das magische Diamantendreieck fest an sich und folgte den Tieren zum großen Kratersee. Und wieder schoss das Wasser fast bis zu den Wolken, und Raja un ddie Tiere winkten den Menschen auf dem Grund des Sees zu. Während nun der Leopard Wache hielt, begaben sich die anderen mit gegenseitiger Hilfe zum Grund des Kratersees hinunter und wurden mit Jubel empfangen. Sie fanden den bewachten Ausgang der Höhle, und Raja machte mit seinem magischen Dreieck die Wächter kampfunfähig.
Doch plötzlich erfüllte ein furchtbares Brausen die Luft, und wie aus dem Nichts stand plötzlich der Zauberer vor ihnen und versperrte mit seinem Zauberstab den Weg. „Wer wagt es, sich mit mir zu messen!“, schrie er so laut, dass die Felswände erzitterten und die Menschen und Tiere ängstlich zurückwichen. Nur Raja blieb entschlossen stehen und antwortete tapfer: „Ich bin Raja der Goldschmied, und ich liebe das Schöne und Gute!“ „Soll das etwa heißen“, tobte der Zauberer, „dass ich nur das Hässliche und Böse liebe?“ „Viel schlimmer noch“, antwortete Raja, „du kannst überhaupt nicht richtig lieben, weil du nur alles besitzen und beherrschen willst!“
„Das sollst du noch bereuen!“, schrie der Zauberer außer sich vor Wut. „Auch du sollst in Zukunft als Tier verwandelt in einem Käfig leben!“ Dabei zeigte er mit seinem Zauberstab auf Raja - doch dieser war schneller und hatte bereits sein magisches goldenes Dreieck mit den starken Diamanten bei der Hand und richtete es auf den Zauberer mit den Worten: „Greif ein, mein Stein!“ Mit einem fürchterlichen Aufschrei ließ dieser geblendet seinen Zauberstab fallen und wurde dabei von seiner glühenden Wut erfasst, dass er bald darauf in Flammen aufging.

Der Bann war gebrochen, die getreuenTiere erhielten wieder ihre menschliche Gestalt: Aus dem fauchenden Leoparden wurde der Erste Minister im Hofstaat; die listige Schlange verwandelte sich in den klügsten Hofmarschall der Prinzessin; und auch der kreischende Greifvogel wurde wieder zum besten Gesandten des Schlosses. Die schöne Prinzessin aber konnte mit ihrem ganzen Hofstaat wieder in ihrem Schloss in Frieden leben und hätte am liebsten Raja zum Manne genommen. Doch ihn zog es weiter hinaus in die Welt, und er dachte dabei oft an den Eremiten, der ihm seine einstige Hilfe auf so wundersame Weise belohnt hatte.






Hedi Kaiser








Theodor Storm

Meeresstrand

 

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.



Theodor Storms Gedicht „Meeresstrand“,
auf meiner Geige gespielt
von Rose Marie Baron


Es gleiten Töne im Rausch nach oben
Schnell wie der schnellste Pfeil
Zart dunkel leuchtet eine Melodie
Und tröpfelt langsam ab ins Nichts

Kleine Floskeln tönen mal hoch mal tief
Und spiegeln sich damit
Kurz hin geworfen ein paar Töne
Auf allertiefster Geigensaite

Sie fügen sich in großem Bogen
Zu einer zarten Melodie
Ein dunkles Murmeln von unten her
Und ein sehnsuchtsvoll einsames Lied
Das hoch sich empor schwingt in helle Höhn

Ein Zittern schließlich leicht fast erstorben
Und Stille dann - kein Tönen mehr
Bis auf der Tiefe Stimmen heben
Ganz sanft und samtig zu singen an












Der Erzähler


Ich bin Tusco vom Stamme der Leicos. Man nennt mich auch den Erzähler.
Ich gehe gebeugt von der Last der vielen Jahre und meine Augen sind trübe, doch
Chemba, meine geliebte Tochter zeigt mir den Weg. Sie ist das Einzige, was mir
geblieben ist, denn Jeli, meine Gefährtin, habe ich verloren vor langer Zeit, und ich
werde euch erzählen, wie alles geschah.
Unsere Zelten standen im Sommerlager am Fuße des Berges Thum nicht weit von der
großen Wasserstelle, die von dem stürmischen Ronda trank, der sich mit mächtigem
Getöse durch die Spalten des Berges seinen Weg suchte.
Wir liebten das Sommerlager, das wogende harte grünblaue Gras der Steppe und die
braunen gehörnten Jogurtas, so zottelig, stark und fett. Wir hatten Milch, Fleisch
und wärmende Felle im Überfluss und jeder neue Tag erfüllte uns mit Freude. Die
Frauen sangen, lachten und schwatzten bei ihrer Arbeit an den Feuerstellen vor den Zelten, und
die jungen Männer zeigten ihre Geschicklichkeit im Umgang mit Pfeil und Bogen. Jeli, meine Gefährtin, erhob sich als Erste vom Nachtlager. Es war still an diesem Morgen.
Sie schlug das Fell des Jogurtas vor dem Zelteingang zurück und rief erstaunt: „Sieh die Sonne, Tusco, sie trägt ein milchiges Kleid, um diese Zeit trug sie noch nie dieses Kleid.“
Ich folgte Jeli hinaus, und das harte Gras der Steppe schnitt in meine nackten Füße. Die Jogurtas lagen träge an der Wasserstelle. Sie fraßen nicht. Sie lagen da, als warteten sie auf etwas. Von weit her kam ein dumpfes Grollen, die Erde zitterte leicht, und faulige Dämpfe lagen über der Wasserstelle. Das Wasser brodelte und gluckste, und es schien, als würde es kochen.
Chemba, unsere kleine Tochter, hatte am Tag zuvor im Spiel einen Hügel aus Steinen errichtet. Dieser Hügel begann plötzlich zu zittern, und die Steine fielen herab und sprangen und tanzten umher wie von Geistern geschüttelt. Dann ging alles ganz schnell, die Erde bebte und schwankte unter unseren Füßen. Jeli stand wie erstarrt. Ich fasste ihre Hände und schrie: „Jeli, wir müssen laufen, Jeli, lauf!“
Sie lief nicht, sie stand da mit weit aufgerissenen Augen. Die Erde brach neben mir auseinander, und sie verschlag meine Jeli, ich konnte sie nicht halten. Ich sah auf meine leere Hand und schrie, mein Mund war so trocken, ich weiß gar nicht, ob ich schrie. Ich warf mich auf die Erde und beugte mich über den klaffenden Spalt so weit ich konnte, in der Hoffnung, meine Jeli dort unten zu finden. Doch da war nur schwarze stumme Erde. Und ich sah immer wieder auf meine Hand, diese Hand, die meine Jeli nicht halten konnte.
Unsere kleine Chemba lag noch schlafend im Zelt. Ich rannte zurück und packte sie, stolperte über Geröll, übersprang Erdspalten und leckende Feuerzungen, durcheinander gewirbelte Büsche und Sträucher. Meine Füße waren zerschnitten von den scharfen Steinen, und ich blutete aus vielen Wunden, doch ich spürte keinen Schmerz. Ich schmeckte nur das Salz meiner großen Trauer.
Immer wieder schüttelte und bäumte sich die Erde, und gierige Spalten taten sich auf. Ich suchte Schutz unter einem Felsvorsprung. Dort kauerte ich mit meiner kleinen Chemba im Arm, ich weiß nicht, wie lange.
Auf einmal war alles vorbei. In der Ferne grollte und rumpelte es noch; dann setzte heftiger Regen ein. Das Sommerlager gab es nichtmehr.
Viele meiner Brüder und Schwestern waren tot, oder der Schlund der hungrigen Erde hatte sie verschlungen. Nur wenige Zelte waren heil geblieben. Vereinzelte Jogurtas rannten verwirrt undklagend umher und suchten nach Wasser. Ein kleiner Haufen Geröll war vom Berg Thum übrig geblieben. Das Getöse und Rauschen des stürmischen Ronda war nicht mehr zu hören, und verzweifelt suchten wir die Wasserstelle. Auch sie hatte die gierige Erde mitgenommen in die Tiefe.
Nach diesem Tag verstummten die Gesänge der Frauen. Die Milch in den Brüsten der jungen Mütter versiegte, und die Alten verließen die Zelte, um zu sterben weit draußen in der verdorrten Steppe und um das letzte Wasser in den Fellbeuteln den Kindern zu überlassen.
Die große Seherin Wenga sprach von einem weiten Tal mit saftigen Gräsern und zotteligen fetten Jogurtas. Sie hatte einen glitzernden blauen Fluss gesehen und eine Wasserstelle, so süß und rein, dass wir uns auf den Weg machten, denn unser Vertrauen in ihre Weissagung war groß, und sie erfüllte uns mit Hoffnung. Es war ein langer, beschwerlicher Weg. Unsere Rücken trugen die Last der zusammengeschlagenen Zelte, und wir kamen nur langsam voran, denn überall war Verwüstung. Die wenigen Vorräte waren bald aufgebraucht, wir tranken aus fauligen Tümpeln und aßen das harte Gras der Steppe. Die Schwachen mussten wir zurück lassen, denn ihre Kräfte schwanden mit jedem beschwerlichen Schritt, doch unsere Augen wurden feucht, als wir das weite Tal und die Wasserstelle errreichten. Wir fielen auf die Knie und lachten und jubelten und gruben das Gesicht in das frische Gras. Wir sprangen in das klare süße Wasser und tranken gierig davon, bis die Bäuche rund wurden.
Viele Jahre sind vergangen. Unser Stamm ist gewachsen. Die Männer sind stark, die
Brüste der jungen Mütter sind prall, und das Lachen der Kinder ist ein großes Glück. Ich habe euch zu erzählen, dass die Gesänge der Frauen an den Feuern die langen kalten Nächte erfüllen und dass wir in eine neue Zeit gekommen sind, die Zeit des Vergessens, der Freude und der Zuversicht. Die Zeit der neuen Wasserstelle.



Nelly Koch









Am Moor


Unerklärliche Unruhe treibt mich aus dem Haus. Noch weiß ich nicht, wohin ich will.
Unmerklich führt mich mein Weg in den nahe gelegenen Wald. tief atme ich denerfrischenden Duft der Bäume, bis mir modriger Geruch vom Moor in die Nase dringt, immer intensiver wird und mir langsam unter die Haut kriecht.
Unnatürliche Stille umgibt mich, die Luft lastet schwer. Keine Vogelstimme, kein Blätterrascheln, nicht einmal meinen Atem höre ich. Mein Herz schlägt dumpf, unberechenbar.
Langsam gehe ich weiter. Dicke Erdklumpen hängen wie Blei an meinen Sohlen.
Unbehagen überfällt mich. Meine Hände sind schweißnass.
Dichter Nebel umhüllt mich mit stickigen Schwaden. Mit ausgestreckten Armen taste ich mich vor. Irre umher. Unerwartet stehe ich vor dem Sumpf, seinem aufgewühlten Grund voller glucksender Blasen. Das Moor mit seiner schlammigen Masse zieht mich magisch an. Schaudernd sehe ich hinunter. Während langsam, unaufhaltsam Angst mich umklammert und der Ruf aus der Tief emich lähmt, versuche ich mit aller Kraft, mich von dem Bann los zu reißen.
Und wieder ruft es aus der Tiefe: „Komm! Komm!“
Entsetzen schnürt mir die Luft ab. Ich will nur noch flüchten, weg von diesem unheimlichen Ort. Ich ringe mit dem Moor um jeden Schritt und schleppe mich mühsam fort. Mein Atem schmerzt. Jeder Schritt ein Kampf.
Plötzlich spüre ich, dass ich wieder durchatmen kann und bin erleichtert, dem dämonischen Spuk entkommen zu sein.
Im Laufen drehe ich mich noch einmal um. Sehe den Nebel gespenstische Figuren in die Luft werfen und im schwachen Mondschein ein Irrlicht über dem Moor tanzen.


Ludowika Eschrich