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Texte aus Lesungen 2005 (Seite 3/05) von:

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DAS FALSCHE REH

 

Wenn wieder schwarze Nebelkrähen
von Telegraphenmasten spähen,
wenn durch die kühle Abendluft
das Käuzchen einen Namen ruft, 

wenn Jäger ihre Hörner blasen,
mit Hunden durch die Wälder rasen,
wo jeder jeden überschreit,
dann kommt die dritte Jahreszeit.

Dann wird erneut der Herbst begrüßt,
mit Beeren köstlich reif versüßt,
von unsren sommertrocknen Zungen
sogleich mit großer Lust verschlungen. 

Wem beides nicht so recht behagt,
die Beerensammelei, die Jagd,
wer immer nur herum sich quälte,
mit jedem Schuß das Ziel verfehlte,

beim Schützenfest, im Kirmestreiben,
wo alle Träume Schäume bleiben,
nicht sonderlich vom Glück gekost,
der findet doch noch seinen Trost.

Er wandert dann in aller Ruhe
im Supermarkt zur Tiefkühltruhe
und holt für seinen Sonntagsschmaus
sich frisches Wildragout heraus.

Jedoch das frischerlegte Reh
erweist sich bald als ziemlich zäh,
das Beerenobst, das aufgetaute
geschmacklich eine Riesenflaute.

Da wurde wieder kalt erwischt
das falsche Reh ihm aufgetischt,
wir aber wohl, wir Pflanzenfresser,
wir wissen klugerdings es besser.

Wir sehen lieber echte Hasen
und Hirsche still im Walde grasen,
gestimmt im Herzen lebensfroh -
ein solcher Herbst genügt uns so.





Hartmut Herlyn









Was ist Zeit ?

 

Gibt es sie überhaupt, oder haben die Menschen sie nur erfunden?

"Du selbst machst die Zeit", antwortete Angelus Silesius auf diese spannende Frage.

Wir Menschen haben also etwas geschaffen, das uns aus dem Nur-Gegenwartsbewußtsein, in dem die Tiere noch leben, herausführte in die Vorstellung, es gäbe auch so etwas wie Vergangenes und Zukünftiges, die Zeit.

Von der Position "Jetzt" aus versuchen wir, das Gewesene und das Kommende zu erfassen und einzuordnen, was von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist, da es kein "Jetzt" geben kann.

Denn auch das geringste Teilchen eines Augenblicks ist stets ebenso vergangen wie auch zukünftig.

Letztlich lehrt die moderne Physik, daß "unsere Zeit" keine zuverlässig gleichbleibende Größe ist.

In der Nähe der Erde vergeht sie langsamer als in der Höhe. Der Raumfahrer jedoch, der sich mit sehr großer Geschwindigkeit durch das Weltall bewegt, altert langsamer als sein Bruder auf der Erde.

Auch der Raum, der uns so gefestigt und sicher erscheint, verändert sich ständig. "Alles fließt", sagte Heraklit vor zweieinhalbtausend Jahren, und bei dem großen Physiker Heisenberg ist nachzulesen: "Niemand wird jemals sagen können, wann und wo sich etwas ereignet hatte."



Bernhard Bleske

aus "Du selber machst die Zeit"
ISBN 3-922690-83-1









                Gewitter

 

Die Pappeln schweigen,
kein rieseln ihrer Silberblätter,
die Schwalben jagen tief
über Gras und Blüten nach Mückenschwärmen,
Schwüle lastet über Rhein und Wiesen,
atemlos ruht der Wind,
erwartet ersten Donnerschlag.

 

Schwarz und drohend
drängen geballte Wolken dem anderen Ufer zu,
die Flut zu queren,
den breiten Strom zu überspringen,
diesseits das Ufer zu erreichen,
die Last der Fülle abzuwerfen,
fallen, sinken, strömen lassen,
ersehnten Regen auf Felder und Wiesen.

 

Trockene Hitze im staubigen Weg,
aufgewühlt von hastig - eilenden Schritten,
dem drohenden Toben zu entgehen.

 

Stumm, mit gesenktem Kopf
stehen Pferd und Rind
im Schutz der Weiden wie im Schlaf,
nur müde wehren Ohr und Schweif lästige Fliegen,
verraten Leben.

 

Dumpfes Grollen - und wieder Stille,
kein Vogellaut –
kein Flügelschlag –
dumpfes Grollen - näher - und wieder Stille,
nicht einmal im Verborgenen
wispert Leben –
dumpfes Grollen ganz nah - bewegungslose Stille,
schwefelgelb –
liegt über Rhein und Wiesen.

 

Da - ein Windstoß zerreißt die Stille,
jagt die Weiden wie Flammen den Wolken entgegen,
beugt die Pappeln, als sollten sie brechen,
treibt die Wellen dem Strom entgegen
und wirbelt erlöst in jubelndem Aufwind davon
über Wiesen, über wogende Kornfelder,
reißt fort, was sich nicht halten kann,
löst den ersten krachenden Donnerschlag
durchzuckt vom Blitz,
jagt über Wasser und Land,
über Häuser, Menschen, Tiere,
scheucht den letzten Wanderer
durch das kaum geöffnete Tor,
schlägt es krachend hinter ihm zu,
dass er entsetzt hervorstößt:
"Der Satan tanzt über den Rhein,
ein Höllentanz ist’s mal wieder,
endlich –
jetzt regnet es in Strömen –
der Himmel rauscht hernieder –
Gott sei Dank!
So ein Sturm,
ein Aufwind war’s,
hat mich fast mitgerissen -
aber meine Schuhe sind trocken geblieben."





Gepa Klingmüller










Feuerrot

 

Sie saß an der Bar, nippte an ihrem Bloody Mary und wippte mit den Füßen. Mit ihren rot lackierten Fingernägeln trommelte sie gegen ihr Glas, verscheuchte eine Fliege, die sich auf den Rand setzen wollte. Immer wieder glitt ihr Blick zur Tür. Ihre Augen schossen Blitze, wenn sie jeden Hereinkommenden von Kopf bis Fuß musterte. Ihr grüner Lidstrich zuckte hinter flatternden Wimpern auf. Grell flammten ihre roten Haare in den Spiegelfacetten der Bar.
     
Als sie das Cocktailglas leeren wollte, sah sie, dass die Fliege hineingefallen war und zappelnd versuchte, sich aus der klebrigen Flüssigkeit zu befreien. Vergeblich, die Wände des Glases waren nass und glatt.
     
Die Rothaarige nahm den Strohhalm, den sie schon zur Seite gelegt hatte, fischte das Tier aus dem Glas, schüttelte es auf ihre Serviette und beobachtete, dass es einen Moment lang regungslos, wie tot, dalag. Dann bewegten sich die Vorderbeinchen, und die Fliege versuchte mühsam, ihre Flügel zu reinigen.
     
Ein schrilles Klingeln durchschnitt die Luft. Die Rothaarige griff hastig nach ihrer Handtasche, kramte nach dem Handy und lauschte konzentriert in den Hörer. Dabei presste sie die Lippen aufeinander, öffnete sie ab und zu, als wolle sie etwas erwidern, blieb doch stumm. Ihre Kiefer mahlten.
     
Dann steckte sie das Handy in ihre Handtasche und ließ das Schloss zuschnappen.
     
"Zahlen! " Sie schob ihren Barhocker so abrupt zurück, daß ihr Glas klirrte.

Inzwischen hatte die Fliege ihre Putzarbeit beendet, versuchte gerade die Flügel auszubreiten und davonzufliegen, als rotlackierte Fingernägel die Serviette zusammenknüllten und achtlos in den Papierkorb warfen."





Do Solis Rangel










Dreieck

Zwischen Türmen und Masten
Bergen und See
sinkende Lasten
schwebender Klee

brannte das Feld
und flehte der Mond
wenn auch zerschellt
es wurde bewohnt

wie der Turm und die Masten
die Berge, die See
sinkende Lasten
und schwebender Klee.





Kleiner Aufbruch

Es ist ein Leben im Nichts –

ich scheiß auf meine Rituale

steige auf und tret in die Pedale

wissend um die Schönheit reinen Lichts.




Oberton

In den Bäumen überhöht stimmt der Tag
blättergleich, beginnend und fordernd
trägt Zeichen eigener Ordnung in Krone und Stamm

so seien die Stunden geborgen, sagt man

zu Schwingen gefächert ihr währendes Spiel
sein Laub sei wie Regen, die Höhen durchwandernd
ihr Wachen nichts weiter als tagendes Ziel.




Viertelstündlich

ist ein schönes Wort
lehnt ähnlich einer Hand
sich lieber stundenweit ins Land
und greift dabei den Horen in den Schritt

die sahen ihre Wünsche offen
buchstabierten förmlich
was zur Reife drängt, erfüllt von
Pflichterfüllung, blütenschweren Jahren

letzter Sonne, die die Ähre fängt
ohne Halt und letztlich
ohne Wissen, geschultes Licht
kaskadengleich aus einem Punkt gedacht

wächst aus Eiskristallen wieder Sommer
grün Erlaubtes aus der Saat
Hyazinth und Brunnenkresse
metaphorisches Ejakulat.





Wolfgang Reinke

aus:
Wolfgang Reinke
Einladung zum Monolog
Neue Gedichte
Mit 6 Fotografien des Autors

Grupello
ISBN 3-89978-020-5

© by Grupello Verlag









Ein Mann nach Wunsch

 

In unserer Stadt, gar nicht weit von hier, lebte eine Frau. Die wurde von ihrem Liebsten wegen einer anderen verlassen. Da begab sich ihre Seele auf eine weite Reise. Als erstes ging sie durch das Fegefeuer der Eifersucht, und es fehlte nicht viel, da hätte es sie verzehrt. Sie geriet in die Hölle ihres hilflosen Zorns und wäre um ein Haar darin verbrannt. Die ganze Zeit aber wanderte sie dahin in der Leere des Nichtbegreifens und fühlte sich so verloren wie noch nie. Nach all dem erschien ihr das Tal der Tränen, das sie zum Schluss durchquerte, beinahe als Erlösung. Als sie endlich wieder ans Licht tauchte, als ihre Augen klar wurden, die zerfurchte Stirn sich glättete, ihr Mund sich auf sein Lächeln besann, da wusste sie eines: nie, niemals mehr sollte ihr Ähnliches widerfahren.

     
Ihr Leben lang alleine bleiben, das wollte sie jedoch auch nicht. Da kam ihr ein guter Gedanke: einen Mann nach ihrem Wunsch würde sie sich schaffen und machte sich sofort ans Werk. Eine riesige Menge Rosinenteig rührte sie an, walkte und knetete ihn in Form, versah ihn mit Armen und Beinen, steckte Backpflaumen als Augen in seinen Kopf, bestrich ihn mit Eigelb, bis er glänzte und buk ihn stückweise in ihrem Herd, denn als Ganzes wäre er nicht hineingegangen. Zum Schluss fügte sie die Teile mit Zuckerguss zusammen.

     
Wie er da verführerisch duftend vor ihr lag, als sie sich zu ihm niederbeugte und an ihm roch, als sie zärtlich über seine glatte Haut strich, da erfüllte sie Glück beinahe wie früher. Wenige Tage später jedoch verspürte sie plötzlich großen Hunger, brach ihm einen Arm ab, aß ihn und sagte: "Auch mit einem Arm lässt es sich leben!" Nun war sie auf den Geschmack gekommen und verzehrte am folgenden Tag eines seiner Beine. "Mit einem Bein kann man gut auskommen," erklärte sie ihm. Er schmeckte wirklich vorzüglich und sie fühlte eine gewisse Befriedigung. Als nächstes kam der Kopf an die Reihe, der wegen der saftigen Backpflaumen besonders köstlich war. Danach hatte sie die Lust an ihm verloren und verschenkte den Rest an Nachbarskinder.

     
Kurz darauf machte sie sich erneut an die Arbeit. Dieses Mal formte sie den Mann aus Ton, drückte und rollte ihn, machte ihn inwendig hohl, damit er beim Brennen nicht zersprang. Einen Hut setzte sie als Deckel auf seinen Kopf, den füllte sie mit Wasser und steckte frische Blumen und Gräser hinein, die wie Haare lustig nach den Seiten ab-standen. Darüber lachte sie immer wieder sehr, und man kann sagen, dass dieser Mann ihr viel Freude bereitete. So lange, bis sie ihn unacht-sam mit dem Besen anstieß. Da lag die Liebe in Scherben.

     
"Dieser hier wird dauerhafter", entschied sie, holte einen Baum-stamm aus dem Wald, kaufte scharfe Messer und Meißel und schnitt, schnitzte und schliff viele Wochen, bis er schlank und schön vor ihr stand. "Er ist wirklich gelungen", frohlockte sie, "wenn auch ein wenig hölzern". Aber dafür konnte er nicht. Sie schleppte ihn neben ihren Lehnstuhl am Kamin. Dort stand er stolz aufgerichtet und leistete ihr Gesellschaft, so gut er es vermochte. Wenn sie sich langweilte, sprach sie mit ihm, doch er antwortete nie. Eine Weile nahm sie es hin, aber allmählich begann es sie doch zu ärgern. Und als der Herbst kam und sie fror, hackte sie ihn kurzerhand in Stücke. Bei jedem Hieb ächzte das Holz und seufzte tief auf. "Das hast du nun davon!" sprach sie und hatte es den ganzen Winter über warm.

     
Eines Tages bemerkte sie in ihrem Garten einen großen Stein. "Diesmal wird es ein Mann für das ganze Leben", freute sie sich. Sie arbeitete beinahe ein Jahr. Der Stein war hart, die Arme schmerzten ihr. Je mehr der Stein widerstand, umso ungeduldiger wurde sie, umso tiefer setzte sie den Meißel an, umso heftiger schlug sie zu. Das nimmt ein Stein sehr übel. Gerade, als sie an seinem Gesicht arbeitete, rächte er sich. Ein ungeschickter Hieb, die Nase sprang ab und die halbe Wange und das Ohr mit dazu. Nun war alles verdorben. Die Wut trieb ihr die Tränen in die Augen, doch den Steinernen rührte das nicht.

     
Wieder nahte ein Winter. Ein kalter Winter würde das werden ohne Mann. Den einen hatte sie gegessen, den anderen zerbrochen, den dritten verfeuert, den vierten zerschlagen. Schon bald schneite es in dicken Flocken. Da zog sie sich Mütze und Handschuhe an, ging in den Garten und baute einen Schneemann. Der wurde so schön, dass die Leute am Zaun verweilten, um ihn zu betrachten. Sie legte ihm ihren roten Schal um den Hals, drückte zwei glänzend-schwarze Kohlenstücke als Augen in sein Gesicht und formte aus Schnee eine schmale, edle Nase, denn von Mohrrüben wollte sie nichts wissen. Oftmals am Tag besuchte sie ihn, sah in seine feurigen Augen, umarmte ihn, wenn niemand hinsah und auch nicht zu lange, denn das wäre ihm schlecht bekommen. Des Nachts, wenn sie sich einsam fühlte, sah sie aus dem Fenster, wie er im Mondlicht leuchtete und war glücklich.

     
Dieser Winter wurde besonders lang und bitterkalt, doch wenn die Leute klagten, schwieg sie. Es kam der März. Die Menschen begrüßten jubelnd den Frühling, denn die Sonne schien aus einem tiefblauen Himmel. Ihre Strahlen fraßen Löcher in die weiche Schneedecke. Daraus erhoben Schneeglöckchen und Krokusse ihre Köpfe und nickten im Wind. Die Sonne strahlte auf den Kopf des Schneemanns. Sein Hut geriet ins Rutschen, hing schief über einem Auge und fiel schließlich zu Boden. Danach gab es kein Halten mehr. Er knickte in den Knien ein, seine starken Schultern sackten nach vorne wie die eines Greises. Er senkte den Kopf, denn er wusste, dass seine Zeit vorüber sei. Als letztes fielen die kohlschwarzen Augen herunter in die Wasserpfütze zu seinen Füßen. Sie konnte nichts tun als weinen. Gerade diesen Mann hätte sie so gerne behalten, der in der Sonne gefunkelt und im Mondlicht geleuchtet hatte. Einen solchen würde sie nie wieder finden. Niemals wieder?

Sie dachte an den nächsten Winter und lächelte.




Ingard Nabe-Boskamp









Pygmalions Traum

 

 Am ersten Tag befreite ich sie aus einem Felsblock. Düstere Jahrtausende hatte sie verschlafen, doch ich brachte die Statue ins Leben. Nicht die trägen und prosaischen Götter erschufen Galateea, sondern die Liebe. Warum sollte ich mein Geschöpf lieben? Die Liebe bleibt absurd und unerklärlich. Wir lieben, weil Steine nicht dichten und Sterne nicht weinen. Weil Berge nicht singen und Feuer nie an Schnupfen leidet. Weil Engel nicht unter dem Gewicht ihrer Flügel abstürzen und Teufel nicht Selbstmord begehen unter der Qual von Gewissensbissen.

      Am zweiten Tag wünschte sich Galateea zu weinen. Ich hatte sie dazu erschaffen, um glücklich zu sein und ein unerschütterliches Lachen auf ihre weißen Lippen gemalt, aber aus Liebe schenkte ich ihr meine eigenen Tränen, bis sie das Lachen verachtete und mit der Zeit vergaß.

      Am dritten Tag sehnte sich Galateea nach der Dunkelheit, weil mein Geschöpf nur das Licht wahrnehmen konnte. Also schenkte ich ihr meine traurigen Augen und wurde selber blind. Das Blut in meinen Adern gefror, wenn ich die starre Melancholie meiner Augen auf ihrem so vollkommenen Gesicht erahnte. Geblendet von der verführerischen Dunkelheit begann Galateea jedoch, das Licht und das Leben selbst zu fürchten.

      Die weiche und grausame Steinstatue war unersättlich. Am vierten Tag verlangte ihre unstillbare Gier nach Realität, meinen Mund, meine Ohren, meine Beine, meine Arme und jeden einzelnen Finger. Nur meine linke Ferse wollte ich behalten, denn in einem meiner Träume hatte Galateea sie geküsst. Deshalb ging ich nur noch auf Zehenspitzen langsam und vorsichtig durch die Welt: ich wollte den imaginären Kuss nicht unter der Last meines Körpers zerquetschten. Doch aus Liebe schenkte ich Galateea sogar meinen ganzen Fuß.

      Am fünften Tag existierte ich nur noch in ihr und durch sie. Ihr stummer, brutaler Schmerz brannte sich tief in unser nun gemeinsames Herz.

      Am sechsten Tag ertrug sie es nicht länger, kein Gott zu sein und wollte selber neue Welten erschaffen. Sie bettelte nach meiner schöpferischen Kraft, und ich blieb völlig machtlos gegen ihre Wünsche.

      Am siebten Tag fand sie den Sinn ihrer schöpferischen Existenz – sie verwandelte sich wieder in einen Felsblock.




Alexandra Sora








Der Ursprung dieses Märchens liegt in einem Gedicht von Heinrich Heine.
Dadurch bin ich auf diesen Stoff gekommen. Hier ist es:


Der Asra

Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder,
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft.

Und der Knabe sprach: Ich heiße
Mohamet. Ich bin aus Jemen.
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.


Heinrich Heine

 



Das Schicksal, die Liebe und der Tod

(Märchen für die Destille 05.11.05)

 

Es war einmal am anderen Ende der Welt ein kleines Königreich, das gerade einen Krieg hinter sich hatte. Voller Freude und Erleichterung begrüßten die Menschen die heimkehrenden Krieger, die aus der Ferne Gefangene mitge-bracht hatten. Sie wurden in das Verlies neben dem Garten des Königs gesperrt, und es geschah, dass die Königstochter bei ihrem Spiel im Garten die Gefangenen hinter dem hohen schmiedeeisernen Zaun sah, wenn diese für kurze Zeit ins Freie durften.

Es war ihr verboten, sich dem Gitter zu nähern, doch sie war neugierig und stand Tag für Tag, versteckt hinter Buschwerk, und beobachtete die Fremden.

Ob es Versehen war oder Absicht, einmal versteckte sie sich nicht richtig und wurde von den Gefangenen erblickt.

An den nächsten Tagen stand einer von ihnen am Gitter und spähte zu ihr herüber. Er wurde von den Wachen mit Schlägen vertrieben. Doch schon bald bemerkte Verina, dass der Jüngling täglich als erster auf den Hof trat und so lange am Zaum stand, bis die Wachen mit dem letzten Gefangenen aus dem Kerker kamen. Um ihm für diesen einen kurzen Moment nahe zu sein, lief sie schnell zum Gitter, denn die ebenmäßigen Züge des Gefangenen, seine kräftige Gestalt und stolze Haltung hatten es ihr angetan.

Nach einigen Tagen wagte der Jüngling, ihr die Hände durch das Gitter entgegen zu strecken, und sie legte ihre kleinen Hände in die seinen. Rasch flüsterten sie ein paar Liebesworte. Das edle Antlitz des Fremden wurde von Tag zu Tag bleicher und Verinas Herz von Tag zu Tag schwerer.

Da bat sie ihren Vater, den König, inständig, den jungen Häftling als Hilfe im königlichen Palastgarten beschäftigen zu dürfen, und da der Vater ihr keinen Wunsch abschlagen konnte, geschah es so. Wenn der Bursche im Garten arbeitete, ging sie wie zufällig dort spazieren, und sprach ihn bald auch an: "Wie ist dein Name, und wo kommst du her?"

"Mein Name ist Aron, ich gehöre zum Stamm derer, die sterben müssen, wenn sie lieben."

Die Königstochter erschrak heftig und wurde so traurig, dass sie Tag und Nacht weinte.

Eines Abends, als sie laut schluchzend am Fenster saß, erschien plötzlich eine helle Fee in ihrem. Gemach, umarmte sie liebevoll und sprach:

"Weine nicht um den einen, liebes Kind. Schau, dein ganzes Königreich ist voller prächtiger Jünglinge. Sieh dich nach einem anderen um, und du wirst wieder froh werden.“

„Wer bist du?" fragte die Königstochter.

"Ich bin das Schicksal", antwortete die Fee.

„Ach, Liebes Schicksal, dieser Trost wirkt nicht. Du weißt doch am besten, dass das nicht geht: einen anderen nehmen. Nie und nimmer werde ich einen anderen lieben können.

Wenn er denn sterben muss, so habe ich nur den einen Wunsch, lass mich zusammen mit ihm in den Tod gehen, denn ohne ihn kann ich nicht mehr leben."

„Das ist unmöglich,“ sagte das Schicksal, es wäre gegen die Ehre des Todes. Wenn er es für angebracht hält aufzutreten, dann greift er stets nur nach einer jungen liebenden Seele. Die Gnade des gemeinsamen Sterbens versagt er den Liebenden, denn er ist ein grausamer Geselle. Allerdings, Verina, wenn du dich opfern und für deinen Liebsten in den Tod gehen würdest, dann - wäre der Zauber gebrochen, dann könnte er eine andere Frau ehelichen."

Da weinte Verina noch mehr. Und saß ratlos die ganze Nacht.

Am Morgen erzählte sie Aron von der nächtlichen Begegnung.

"Ich bin bereit, für unsere Liebe in den Tod zu gehen,“ sagte Aron. „Denn wenn du ein Kind unter dem Herzen tragen wirst, werde ich in ihm weiterleben."

Doch Verina suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Sie wurde immer blasser und schwächer, so dass selbst der Tod schließlich Erbarmen hatte, oder war es doch nur Boshaftigkeit, was ihn trieb? Jedenfalls erschien er eines nachts bei ihr und flüsterte ihr zu, dass es noch eine dritte Möglichkeit gäbe.

Wenn sie beide einwilligten, die Liebe sterben zu lassen, dann dürften sie am Leben bleiben, dann dürften sie heiraten und Kinder haben und zusammen leben bis an ihr Ende.

Schnell lief Verina zu ihrem Liebsten und berichtete von dieser überraschenden Schicksalswendung.

Oh Glück und Freude, und mit großer Erleichterung sagten sie zu.

Dass ihnen der Tod ihre Liebe nicht würde nehmen können, dessen waren sie sich ganz sicher.

Der Jüngling trat vor den König hin und bat um die Hand seiner Tochter, und da er selbst von königlichem Geblüt war, willigte der König ein.

Es ward Hochzeit gehalten, und die Jungvermählten bezogen das hübsche Schloss am Waldesrand, welches ihnen der König zur Hochzeit geschenkt hatte.

Schier grenzenlos war ihre Lebensfreude, unbeschreiblich ihr Glück, und als ein Jahr ins Land gegangen war, gebar Verina ihr erstes Kind.

Lieben heißt geben, und sie gaben einander aus vollem Herzen. Lieben heißt den anderen achten, und sie begegneten einander mit Hochachtung. Lieben heißt Zeit füreinander haben, heißt ehrlich sein, heißt einander vertrauen.
All das lebten sie und das Schicksal schenkte ihnen noch zwei Kinder.

Beide hatten sich nun aber von Jahr zu Jahr immer mehr um vielerlei Dinge zu kümmern. Verina musste die Dienstboten im Schloss leiten und lenken, all die großen Feste vorbereiten, auch die Kinder forderten ihre Zeit. Aron war Tag für Tag damit beschäftigt, das Garten- und Stallgesinde zu dirigieren, ihn beanspruchten die Pferde, die Hunde, sein Falke und die Jagd.

Und die Jahre gingen ins Land.

Allmählich verblasste die Frische ihrer Jugend. Immer seltener konnten sie vertraut beieinander sein, immer seltener einander in Liebe begegnen.

Das anfangs so gleißend hell lodernde Liebesfeuer sank langsam dahin und sie wurden es nicht einmal gewahr, es wurde zur Glut, dunkelte, fiel in sich zusammen und erstarb schließlich in Asche.

Und der Tod wartete die ganze Zeit geduldig. Er wartete zwei Jahre, fünf, zwölf und noch ein paar mehr, aber eines Abends spät trat er in das Ehegemach. Er fand die Eheleute todmüde, einsilbig, kaum dass sie einen Gute-Nacht-Gruß füreinander hatten, bevor sich jeder auf seinem Lager vom anderen fortdrehte.

Plötzlich fuhren beide hoch. Sie spürten irgendetwas Unheimliches im Raum.

Dann hörten sie eine düstere Stimme: "Beunruhigt euch nicht, schlaft weiter, ich nehme nur die Liebe mit mir, für die Ihr keine Zeit mehr habt, und die ihr nicht mehr braucht."

Da waren sie über die Maßen bestürzt, warfen sich vor dem Tod nieder und baten ihn inständig, ihnen die Liebe zu lassen. Doch der antwortete nur mit Hohngelächter.

In dem Moment kam es ihnen so vor, als höben sich schwere graue Nebel, und wie im plötzlichen Erkennen wandten sie sich vom Tod ab und einander zu, Sie sahen einander so tief in die Augen, wie schon seit langem nicht mehr, und im Gemach wurde es hell und licht. Sie fielen einander in die Arme, herzten und liebkosten sich, und heiße Tränen entströmten ihren Augen, und sie baten einander um Verzeihung für die langen lieblosen Jahre.

Ihre Reue- und Liebestränen fielen auf die erstarrte Liebe, so dass diese wieder genas. Unbemerkt glitt der Tod davon.

 

Ingelore Mularski









Wohin?


Der Weg führte durch lichten, hochstämmigen Buchenwald. Er war breit und bequem zu gehen. Die leichte Steigung machte mir nichts aus. Ich genoss es, durch die reine Luft zu wandern, dem Lied der Amseln und Rotkehlchen zuzuhören, ein Eichhörnchen zu beobachten, das munter von Ast zu Ast sprang, und die flirrenden Sonnenkringel zu betrachten, die durch Licht und Schatten auf die Erde gemalt wurden. Ich könnte stundenlang so weitergehen! dachte ich.

Aber dann hörte der Wald plötzlich auf, und ich stand auf einer Anhöhe. Wiesen zogen sich darüber hin, anzuschauen wie bunte Teppiche. Überall blühten Blumen zwischen den Gräsern. Sie leuchteten blau, gelb, rot, weiß und violett in schönem Kontrast zu ihrer grünen Umgebung. Wie lange hatte ich so etwas nicht mehr gesehen! Voller Bewunderung betrachtete ich das liebliche Bild.

Ich war ganz in den Anblick versunken; deshalb hatte ich wohl nicht bemerkt, woher sie gekommen war. Sie stand plötzlich da, vor mir, und sah mich mit ernsten Augen an. Ein Schauer, wie ein Frösteln, lief mir über den Rücken. Ich war nicht eigentlich erschrocken, und wenn ich später an diesen Augenblick dachte, war mir zumute, als hätte ich sie erwartet. Ihre Erscheinung war auch nicht angsterregend, es ging etwas Feierliches, ja, Gebieterisches von ihr aus. Ihre Gestalt war in graue Schleier gehüllt. Ihr Antlitz schien das Gesicht einer alten Frau zu sein, aber ein inneres Leuchten ließ es jung erscheinen.

"Hier teilt sich dein Weg", sprach sie zu mir mit einer Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien. Sie war leise, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie alle Fasern meines Körpers durchdrang. "Du kannst den breiten Weg weitergehen", fuhr sie fort, "oder auch den schmalen Pfad zur Rechten. Von hier aus kannst du nicht sehen, wo die Wege enden. Aber wenn du eine Weile gegangen bist, kommst du an eine Biegung. Dahinter hast du einen weiten Ausblick ins Tal. Wähle den richtigen Weg! Es ist dir auch erlaubt umzukehren. Entscheide dich."

Sie kauerte sich im Gras zusammen, und wie sie so reglos da hockte in ihren grauen Gewändern hätte man sie für einen Felsbrocken halten können. Sie schien eins mit der Natur geworden zu sein.

Ich überlegte nicht lange. Der breite Weg zur Linken schien eine Fortsetzung des Weges zu sein, den ich bis hierher gegangen war. Es wäre sicher das beste, wenn ich ihm weiter folgte. Bald würde ich die Biegung erreicht haben, um dann den Blick ins Tal genießen zu können. Mit beschwingtem Schritt setzte ich meine Wanderung fort. Als ich mich der Kurve näherte, streifte mich plötzlich ein eiskalter Windhauch. Etwas Unheimliches lag in der Luft. Es war nicht zu sehen, nicht zu greifen, aber es war da. Ich hatte das Gefühl, als ob mein Inneres gefrieren würde. Ein paar Schritte ging ich noch weiter - und erstarrte. Panischer Schreck lähmte meine Glieder. Ich war bewegungslos an die Stelle gefesselt, an der ich gerade stand. Nur meine Augen waren lebendig. Voller Entsetzen wanderte ihr Blick über das, was vor mir lag. Hinter der Biegung war der Weg nicht mehr so glatt und bequem, sondern uneben und voller Steine. Unzählige Löcher klafften auf wie tiefe Wunden. Es war, als ob hier ein heftiger Kampf stattgefunden hätte. Zu meinen Füßen sah ich tote Rebhühner und verendete Hasen. Das eben noch saftige, grüne Gras war braun und vertrocknet, die Blumen verdorrt. Überall lagen tote Tiere. Menschen schien es hier nicht zu geben. Waren sie auch gestorben? Oder waren sie geflohen aus diesem Alptraum? Aber wohin? Weiter unten sah ich einen Fluss von unnatürlich roter Farbe. Er mündete in einen See, von dessen Oberfläche übelriechende, schwefelgelbe Dämpfe aufstiegen. Tote Fische lagen an seinem Ufer. Hinten in der Ebene schien ein Höllenbrand alles zu verzehren, was noch lebendig war, und am Horizont stand drohend eine Wolke wie ein Atompilz. Meine Augen registrierten dies alles, das ganze gespenstische Szenario, mit einer fast schmerzlichen Klarheit, aber mein Bewusstsein weigerte sich, es zur Kenntnis zu nehmen. Das durfte es nicht geben! Das war die Hölle auf Erden, der Untergang! Ein namenloses Grauen packte mich und löste die Starre. Ich drehte mich um und floh, rannte wie von Furien gehetzt den Weg zurück bis zu der Stelle, wo die Frau mir begegnet war. Doch sie war verschwunden. Wie betäubt von den Bildern des Schreckens setzte ich mich ins Gras.

Da fiel mein Blick auf den schmalen Pfad. Steil und steinig führte er am Abhang hinunter ins Tal. Wo mochte er enden? Sollte ich ihn gehen? Versuche es! sagte mir eine innere Stimme. Vorsichtig machte ich mich auf den Weg, gestützt auf meinen Wanderstock. Das Gehen war mühsam, und ich kam nur langsam vorwärts. Schließlich erreichte ich ein Wäldchen. Ich hörte Vögel zwitschern und sah Rehe, die zwischen den Stämmen ästen. Das war Balsam für meine Seele, die noch immer erfüllt war von den Horrorszenen, die ich gerade gesehen hatte. Ein Mann kam plötzlich auf mich zu. Er war ärmlich gekleidet und ging etwas gebeugt, so, als habe er ein langes Leben voller Arbeit hinter sich. Er streckte mir eine schwielige Hand entgegen. "Gib mir etwas ab von deinem Reichtum", sagte er mit heiserer Stimme, "wenn du glücklich werden willst, musst du teilen."

Ein durchdringender Blick aus stahlblauen Augen traf mich. Wie unter einem hypnotischen Zwang holte ich meine Geldbörse aus der Tasche und gab ihm die Hälfte des Inhalts. Dann ging ich weiter. Nach einer Weile sah ich eine Frau am Wegesrand sitzen. Neben sich hatte sie einen Korb auf den Boden gestellt, in dem sie Holz, Kräuter und Pilze gesammelt hatte. Sie sah halb verhungert aus. Eine dürre, knochige Hand streckte sich mir entgegen.

"Gib mir etwas von deinem Essen. Wenn du glücklich werden willst, musst du teilen", sprach sie zu mir mit ihrer dünnen, hohen Stimme.

Voller Mitleid gab ich ihr das letzte Brot, das ich in der Tasche hatte, dann setzte ich meinen Weg fort. Schließlich sah ich ein Kind. Es kam auf mich zugelaufen und hatte nur ein dünnes Hemdchen an. Mit seiner hellen Kinderstimme rief es mir zu:
"Gib mir von deinen Kleidern. Wenn du glücklich werden willst, musst du teilen."
Ich zog meine Jacke aus und hängte sie dem Kinde um. Als ich aus dem Wald heraustrat, sah ich eine weite Ebene vor mir. Fruchtbare Felder, auf denen das Korn schon reif für die Ernte war, saftige Weiden mit Kühen, die wohlgenährt aussahen, zogen sich hin bis zu einem Dorf mit schmucken Häusern und blühenden Gärten. Auf dem großen Platz in der Mitte tummelten sich Kinder. Sie spielten Fangen um einen Brunnen herum und neckten sich, indem sie sich mit Wasser nass spritzten. Ihr Lachen drang bis zu mir herüber. Hühner scharrten nach Körnern, und eine Henne führte stolz eine Schar Küken aus. Auf einer Obstwiese waren Männer und Frauen mit der Ernte beschäftigt. Junge Mädchen trugen Körbe voller Kirschen. Ich konnte mich nicht satt sehen an diesem idyllischen Anblick.

Da wurde ich plötzlich von einer geheimnisvollen Macht ergriffen. Unversehens befand ich mich wieder an der Wegscheide oben auf der Anhöhe. Und auch sie war wieder da. Hochaufgerichtet stand sie vor mir.
Mit ihrer leisen, aber so eigenartig durchdringenden Stimme sagte sie:

"Es gibt zwei Wege in das Tal des dritten Jahrtausends. Du hast gesehen, wohin sie führen. Gehe nun nach Hause. Wahrscheinlich wirst du vergessen, was du gesehen hast, aber der Schatten einer Erinnerung wird bleiben. Bald wirst du wieder hier oben stehen. Dann wähle den richtigen Weg, denn es wird kein Zurück mehr geben."

Mit diesen Worten verschwand sie vor meinen Augen.



Ellinor Wohlfeil