Der Ursprung dieses Märchens liegt in einem Gedicht von Heinrich Heine.
Dadurch bin ich auf diesen Stoff gekommen. Hier ist es:
Der Asra
Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder,
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich ward er bleich und bleicher.
Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft.
Und der Knabe sprach: Ich heiße
Mohamet. Ich bin aus Jemen.
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.
Heinrich Heine
Das Schicksal, die Liebe und der Tod
(Märchen für die Destille 05.11.05)
Es war einmal am anderen Ende der Welt ein kleines Königreich, das gerade einen Krieg hinter sich hatte. Voller Freude und Erleichterung begrüßten die Menschen die heimkehrenden Krieger, die aus der Ferne Gefangene mitge-bracht hatten. Sie wurden in das Verlies neben dem Garten des Königs gesperrt, und es geschah, dass die Königstochter bei ihrem Spiel im Garten die Gefangenen hinter dem hohen schmiedeeisernen Zaun sah, wenn diese für kurze Zeit ins Freie durften.
Es war ihr verboten, sich dem Gitter zu nähern, doch sie war neugierig und stand Tag für Tag, versteckt hinter Buschwerk, und beobachtete die Fremden.
Ob es Versehen war oder Absicht, einmal versteckte sie sich nicht richtig und wurde von den Gefangenen erblickt.
An den nächsten Tagen stand einer von ihnen am Gitter und spähte zu ihr herüber. Er wurde von den Wachen mit Schlägen vertrieben. Doch schon bald bemerkte Verina, dass der Jüngling täglich als erster auf den Hof trat und so lange am Zaum stand, bis die Wachen mit dem letzten Gefangenen aus dem Kerker kamen. Um ihm für diesen einen kurzen Moment nahe zu sein, lief sie schnell zum Gitter, denn die ebenmäßigen Züge des Gefangenen, seine kräftige Gestalt und stolze Haltung hatten es ihr angetan.
Nach einigen Tagen wagte der Jüngling, ihr die Hände durch das Gitter entgegen zu strecken, und sie legte ihre kleinen Hände in die seinen. Rasch flüsterten sie ein paar Liebesworte. Das edle Antlitz des Fremden wurde von Tag zu Tag bleicher und Verinas Herz von Tag zu Tag schwerer.
Da bat sie ihren Vater, den König, inständig, den jungen Häftling als Hilfe im königlichen Palastgarten beschäftigen zu dürfen, und da der Vater ihr keinen Wunsch abschlagen konnte, geschah es so. Wenn der Bursche im Garten arbeitete, ging sie wie zufällig dort spazieren, und sprach ihn bald auch an: "Wie ist dein Name, und wo kommst du her?"
"Mein Name ist Aron, ich gehöre zum Stamm derer, die sterben müssen, wenn sie lieben."
Die Königstochter erschrak heftig und wurde so traurig, dass sie Tag und Nacht weinte.
Eines Abends, als sie laut schluchzend am Fenster saß, erschien plötzlich eine helle Fee in ihrem. Gemach, umarmte sie liebevoll und sprach:
"Weine nicht um den einen, liebes Kind. Schau, dein ganzes Königreich ist voller prächtiger Jünglinge. Sieh dich nach einem anderen um, und du wirst wieder froh werden.“
„Wer bist du?" fragte die Königstochter.
"Ich bin das Schicksal", antwortete die Fee.
„Ach, Liebes Schicksal, dieser Trost wirkt nicht. Du weißt doch am besten, dass das nicht geht: einen anderen nehmen. Nie und nimmer werde ich einen anderen lieben können.
Wenn er denn sterben muss, so habe ich nur den einen Wunsch, lass mich zusammen mit ihm in den Tod gehen, denn ohne ihn kann ich nicht mehr leben."
„Das ist unmöglich,“ sagte das Schicksal, es wäre gegen die Ehre des Todes. Wenn er es für angebracht hält aufzutreten, dann greift er stets nur nach einer jungen liebenden Seele. Die Gnade des gemeinsamen Sterbens versagt er den Liebenden, denn er ist ein grausamer Geselle. Allerdings, Verina, wenn du dich opfern und für deinen Liebsten in den Tod gehen würdest, dann - wäre der Zauber gebrochen, dann könnte er eine andere Frau ehelichen."
Da weinte Verina noch mehr. Und saß ratlos die ganze Nacht.
Am Morgen erzählte sie Aron von der nächtlichen Begegnung.
"Ich bin bereit, für unsere Liebe in den Tod zu gehen,“ sagte Aron. „Denn wenn du ein Kind unter dem Herzen tragen wirst, werde ich in ihm weiterleben."
Doch Verina suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Sie wurde immer blasser und schwächer, so dass selbst der Tod schließlich Erbarmen hatte, oder war es doch nur Boshaftigkeit, was ihn trieb? Jedenfalls erschien er eines nachts bei ihr und flüsterte ihr zu, dass es noch eine dritte Möglichkeit gäbe.
Wenn sie beide einwilligten, die Liebe sterben zu lassen, dann dürften sie am Leben bleiben, dann dürften sie heiraten und Kinder haben und zusammen leben bis an ihr Ende.
Schnell lief Verina zu ihrem Liebsten und berichtete von dieser überraschenden Schicksalswendung.
Oh Glück und Freude, und mit großer Erleichterung sagten sie zu.
Dass ihnen der Tod ihre Liebe nicht würde nehmen können, dessen waren sie sich ganz sicher.
Der Jüngling trat vor den König hin und bat um die Hand seiner Tochter, und da er selbst von königlichem Geblüt war, willigte der König ein.
Es ward Hochzeit gehalten, und die Jungvermählten bezogen das hübsche Schloss am Waldesrand, welches ihnen der König zur Hochzeit geschenkt hatte.
Schier grenzenlos war ihre Lebensfreude, unbeschreiblich ihr Glück, und als ein Jahr ins Land gegangen war, gebar Verina ihr erstes Kind.
Lieben heißt geben, und sie gaben einander aus vollem Herzen. Lieben heißt den anderen achten, und sie begegneten einander mit Hochachtung. Lieben heißt Zeit füreinander haben, heißt ehrlich sein, heißt einander vertrauen.
All das lebten sie und das Schicksal schenkte ihnen noch zwei Kinder.
Beide hatten sich nun aber von Jahr zu Jahr immer mehr um vielerlei Dinge zu kümmern. Verina musste die Dienstboten im Schloss leiten und lenken, all die großen Feste vorbereiten, auch die Kinder forderten ihre Zeit. Aron war Tag für Tag damit beschäftigt, das Garten- und Stallgesinde zu dirigieren, ihn beanspruchten die Pferde, die Hunde, sein Falke und die Jagd.
Und die Jahre gingen ins Land.
Allmählich verblasste die Frische ihrer Jugend. Immer seltener konnten sie vertraut beieinander sein, immer seltener einander in Liebe begegnen.
Das anfangs so gleißend hell lodernde Liebesfeuer sank langsam dahin und sie wurden es nicht einmal gewahr, es wurde zur Glut, dunkelte, fiel in sich zusammen und erstarb schließlich in Asche.
Und der Tod wartete die ganze Zeit geduldig. Er wartete zwei Jahre, fünf, zwölf und noch ein paar mehr, aber eines Abends spät trat er in das Ehegemach. Er fand die Eheleute todmüde, einsilbig, kaum dass sie einen Gute-Nacht-Gruß füreinander hatten, bevor sich jeder auf seinem Lager vom anderen fortdrehte.
Plötzlich fuhren beide hoch. Sie spürten irgendetwas Unheimliches im Raum.
Dann hörten sie eine düstere Stimme: "Beunruhigt euch nicht, schlaft weiter, ich nehme nur die Liebe mit mir, für die Ihr keine Zeit mehr habt, und die ihr nicht mehr braucht."
Da waren sie über die Maßen bestürzt, warfen sich vor dem Tod nieder und baten ihn inständig, ihnen die Liebe zu lassen. Doch der antwortete nur mit Hohngelächter.
In dem Moment kam es ihnen so vor, als höben sich schwere graue Nebel, und wie im plötzlichen Erkennen wandten sie sich vom Tod ab und einander zu, Sie sahen einander so tief in die Augen, wie schon seit langem nicht mehr, und im Gemach wurde es hell und licht. Sie fielen einander in die Arme, herzten und liebkosten sich, und heiße Tränen entströmten ihren Augen, und sie baten einander um Verzeihung für die langen lieblosen Jahre.
Ihre Reue- und Liebestränen fielen auf die erstarrte Liebe, so dass diese wieder genas. Unbemerkt glitt der Tod davon.
Ingelore Mularski