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Texte aus Lesungen 2005 (Seite 2/05) von:

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Blasphemie

Zwei Winde, die im Hintern wohnen,
ein Endprodukt aus weißen Bohnen,
aus Zwiebeln und aus Knoblauchsaft,
sie hassen ihre Dunkelhaft.

Verächtlich Pups und Furz geheißen,
sind sie sich einig auszureißen.
Doch das gefällt dem Hintern nicht;
er macht sofort die Schotten dicht. 

Es wäre zwar nicht weltbewegend,
wohl aber ärgemiserregend,
hielt er die Winde nicht im Zaum
vor allem hier im Kirchenraum.

Doch sie, die endlich frei sein wollen,
verkünden es mit Donnergrollen,
worauf der Hintern kombiniert,
daß bald was Menschliches passiert.

Den Druck, den beide jetzt entfalten,
kann zwar derselbe kaum noch halten,
doch schwört er: ihr kommt nicht heraus,
schon gar nicht hier im Gotteshaus.

Die Winde denken: laß ihn schwören,
wir werden schon die Andacht stören,
und lauem voller Hinterlist
auf den Moment, der günstig ist.

Da zwingt ein Lobgesang soeben
das Hinterteil, sich zu erheben.
Das ist den Fürzen ein Signal,
und sie entweichen triumphal.

Das Amen ist noch nicht gesprochen,
da wird der Frevel schon gerochen
in dieser frommen Szenerie
ein dreister Fall von Blasphemie.

Wer war das Ferkel, hört man's flüstern,
und bläht dabei empört die Nüstern.
Man schnuppert, schnüffelt, schaut sich an,
als ob man's so ergründen kann.

Beim sechsten Sinn muß man wohl passen.
Das Stinktier ist nur dann zu fassen,
wenn man auf allen vieren kriecht
und pfui - an jedem Spundloch riecht.

Da fragt man sich: Wem wird es schmecken,
die Nase da hinein zu stecken?
Und außerdem: was bringt das schon
wer zahlt für Fürze Finderlohn?

Den letzten Akt in aller Kürze:
Verduftet sind die beiden Fürze.
Der Messner schwingt das Weihrauchfaß
zum frohen deo gratias.





Erwin Gehrmann










Der böse Kaktus

Oh, Kaktus, böser Kaktus, Du,
Du läßt mir wirklich keine Ruh.
Oh, hätt ich's vorher schon gewußt,
daß Du mich immer stechen mußt.
Da gieß ich Dich und will Dir gut,
doch Du erzeugst bei mir nur Wut.
Ich schreie jedesmal Oh Wei
wegen Deiner Stichelei.
Mit Pieksern in dem Finger
wird die Geduld geringer.
Ich schnapp' mir den Rasierer
Du bist der Verlierer.
Jetzt bist Du kahl.
Ich hatte keine andere Wahl.
Nun wird aus einem bösen Kaktus
ein liebenswerter, schöner Nacktus.




Das Zebra

Ein Zebra wollte in die Stadt,
war von der Landluft endlos satt.
Es hatte sich fest vorgenommen,
so schnell wie möglich hinzukommen.
Das kleine Zebra war am träumen:
"Ich möcht' ab jetzt nichts mehr versäumen,
Museen und Geschäfte sehen,
und abends in die Oper gehen.
In großen Parks will ich flanieren,
in Abendbars mich amüsieren."
Kaum angekommen ging es los.
Des Zebras Freude war sehr groß.
Das Zebra war so fasziniert
vom neuen Leben, das passiert.
Sehr müde von dem Einkaufsbummel
und hungrig von dem ganzen Rummel
wollt' unser Zebra essen gehen.
Es sah dort schon ein Gasthaus stehen.
Um in das Gasthaus einzukehren
mußt' es die Straße überqueren.
Da stand es nun am Straßenrand,
von roten Ampeln nichts verstand.
Als es gerade rüberging,
da kam ein Laster wieselflink.
Er fuhr es platt mit seinen Reifen,
und übrig blieb ein Zebrastreifen.

... so schnell kann man ein Zebra streifen.




Helen Stahlschmidt









Der dicke Hund

Kunterbunt,
runder Hund.
Pumpgesund
jedes Pfund.
Bunter Hund
kugelrund.
Kekse bunt,
so gesund.
In deinem Schlund
Kekse rund.
Kunterbunt
jedes Pfund.
Ein guter Grund,
gesunder Hund.
Jedes Pfund
rund, na und.
Keks gesund,
ein guter Grund.
Geheimnis Hund
aus meinem Mund.
Die Kunde rund
von Dir, Du Hund.
Aus gutem Grund,
Du dicker Hund.










                                            Gerda Chertman










Torgum

Erzählung 

 

Brage hatte es kommen sehen. Irgendwann musste das ja mal passieren. Irgendwann musste ein Wal an Torgums Küste stranden. Ein stattliches Exemplar von Pottwal, an seinem Strand natürlich, wo auch sonst – und das in seiner letzten Woche.

 Seit knapp sechs Monaten räumte Brage hier auf. Für 1,50 die Stunde, obendrauf zur Stütze –  auf Amtsdeutsch  Mehraufwandsentschädigung. Besser als nichts und vor allem was zu tun. Befristet, na schön. So was sollte auch nicht ewig gehen.

 Kollege Teichmann haderte mit all dem. Irgendjemanden auf diese Weise wieder für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen, sei lächerlich. Damit werde ja bloß die Statistik schöngerechnet. Alles habe doch irgendwie einen illegalen Beigeschmack, denn die Urlaubstage würden nicht bezahlt, und im Krankheitsfall gäbe es keinen Cent.

   Der musste es ja wissen – so oft, wie der mit einer Erkältung zu Hause blieb. Ist in seinem früheren Leben bestimmt Aktenschubser gewesen, der Bekloppte.

Teichmanns Gejammer hielt Brage schlichtweg für überflüssig. Was sie dachten, zählte ohnehin nicht. Sie hielten den Strand sauber, und nach ihnen würden es andere tun. Der Lauf der Dinge, ganz einfach.

Der tollste Job war das natürlich nicht, an Land herumzukrebsen.Da hatte Brage schon Aufregenderes zu erledigen gehabt.
Jahrelang war er auf dem Trawler seines Onkels mit rausgefahren. Nun schon drei Jahre her ...
Zuweilen waren ihm da Bäche von Regengüssen übers Ölzeug geronnen, während er in Bergen von um ihr Leben zuckenden Heringen wühlte. Die verwertbaren Exemplare tötete er mit geübtem Kehlschnitt, waidete sie fachgerecht aus, im Akkord, alles musste schnell gehen. Das Brauchbare landete im Eis und der Unrat über Bord. Bei Regen wusch sich das Fischblut von selbst von seiner Kunststoffhaut und schwappte dann auf Deck umher. Ein triefendes Gemälde aus Schmutz und Tod, das er schließlich mit Hochdruck auszulöschen hatte.
Drei Jahre her, dass er zum letzten Mal rausgefahren war, ja, bevor der Onkel seinen Kahn in der Schuldenfalle verloren hatte.
Kein Fisch, kein Fang, kein Geld.
War das wirklich schon drei Jahre her?

Ein Wal also, schöne Abwechslung.

Trotzdem verstand Brage die Aufregung um das dahinsiechende Tier so gar nicht. Wie man den Walbullen dort wegbekommen sollte, darüber musste er sich nicht den Kopf zerbrechen.
Routiniert wie jeden Tag sammelte er den Müll auf, gleich ob von sorglosen Tagesgästen verstreut oder von der See herangetragen.

Den Wal beachtete er nicht weiter – bis der Räumkolonnenleiter Fahrenkroog ihn dafür abstellte, sich einer Gruppe emsiger Helfer anzuschließen. Sie sollten das Tier mit Wasser übergießen, um es am Leben zu halten – wenigstens bis der Spezialistenkommission was Besseres eingefallen war.
   "Schadensbegrenzung", sagte Fahrenkroog, der angesichts der einsetzenden Ebbe zusehends nervöser mit seinem Handy herumhantierte.
   "Meister", bemerkte Kollege Dorne, "wär vielleicht angebrachter, einen Tankwagen herzubestellen."
   "Die Leute ...", mischte sich nun auch Teichmann ein, "wir könnten doch ... eine Kette bilden ..."
Du am Anfang, dachte Brage, und ich am besten am anderen Ende.

 

So ergab es sich leider nicht. Fahrenkroog wollte, dass Brage dem Veterenär zur Hand ging, wenn der endlich wieder einträfe. Und Teichmann hatte sich vorgenommen, dem Walbullen seelischen Beistand zu leisten. Beschwichtigend klopfte er ihm auf die Flanke und taufte ihn im Laufe seines Zuredens schwachsinnigerweise auf den Namen Thiemo.
Eine aussichtslose Lage sollte keinen Namen tragen.

 Etliche vom Fernsehen waren schneller als der Veterenär an Ort und Stelle. Sie positionierten Fahrenkroog vor dem dahinvegitierenden Wal und befragten ihn eingehend zum Stand der Dinge und wie's nun weitergehen sollte.

   "So viel kann's dazu ja wohl nicht zu sagen geben", kommentierte Brage den ausufernden Auftritt des Ahnungslosen. "Der stirbt, und wenn er tot ist, muss er schleunigst und möglichst rückstandsfrei beseitigt werden. Punkt."
   Entgeistert starrte Teichmann ihn an: "Thiemo spürt deine Gleichgültigkeit, und es macht ihm etwas aus, ganz sicher."
Brage war's egal. Den Wal plagten wahrscheinlich gerade ganz andere Sorgen, und dann musste der noch Teichmanns bescheuertes Gequatsche über sich ergehen lassen. "Was ihm wohl passiert ist ...?"
   "Weiß ich doch nicht", knurrte Brage, "entweder ist er krank, oder ... Echolote haben ihn durcheinander gebracht. Nicht mehr genug Fisch zum Fressen gefunden, was weiß ich denn. – Vielleicht hatte er aber auch bloß Krach mit seiner Alten."
   "Oder Selbstmordgedanken", setzte Dorne noch einen drauf, "weil er seinen Job verloren hat." Dafür erntete er allseitiges Gelächter.
Nur Teichmann fand's nicht witzig. "Hör nicht hin, Thiemo."

   "Hey, Kleiner ...", sprach Dorne den Wal persönlich an. "Stell dir mal vor, das würde jeder machen ... Wieso hast du dich nicht für einen 1-Euro-Job gemeldet? Die hätten schon irgendwas Passendes für dich gefunden."
Brage lachte und rieb sich seine feuchten Hände an der Hose trocken. "Im Naturkundemuseum, da suchen die noch ein ansehnliches Walskelett ... Wie wär's? Kannst dir ein bißchen was dazu verdienen auf deine alten Tage."

Während sie so herumflachsten, streichelte Teichmann seinen schutzbefohlenen Thiemo und verteilte Wasser über dessen Flanken. Es hatte etwas Anrührendes an sich, wie er dem Tier beistand. Brage beneidete ihn um seine Zuversicht, eine völlig unangebrachte – aber besser als gar keine.

 
Sie setzten ihre Arbeit fort, kübelten das Wasser so hoch es ging über die Walhaut und schwangen die leeren Kübel weiter. Immer länger dauerte es, bis sie wieder einen vollen in den Händen hielten – immer länger je weiter sich das Meer zurückzog.

 
Über die Monotonie des Wartens malte sich Brage aus, wie eine Buddelkolonne mit anderen 1-Euro-Jobbern anrückte und hier einen Graben aushub, ordentlich breit und lang für eine korpulente Walleiche. Wie sich die Reichen und Schönen zu einer Strandparty einfanden und den Event eines ausgefallenen Begräbnisses bei Champagner und Lachshäppchen prunkvoll begingen. Und wie danach die Buddelkolonne eine Nachtschicht schob und sie – die Räumkolonne – den nächsten Tag damit zubrachte, den Müll der Stinkreichen abzutransportieren. Von denen, die hochnäsig behaupteten, wer fleißig sei, der könne es auch schaffen.
Was denn schaffen eigentlich?


Endlich ließ sich der Veterenär blicken. Unvorsichtigerweise erwähnte er, dass er den Bullen einschläfern müsse, und trieb Teichmann damit auf die Barrikaden. "Umbringen? Einfach umbringen?"
Fahrenkroog runzelte verwirrt die Stirn: "Mit einer Spritze, oder wie?"
Brage fragte sich, wie die Spritze aussehen sollte, die durch Thiemos Fettpolster dringen konnte.
Der Veterenär nahm sich Fahrenkroog ein Stück weit zur Seite und erklärte mit rätselhaften Gesten, was Sache war.

 

Derweil zogen Ordnungskräfte weiträumig Sperrband um das Strandungsgelände, und die Maßnahmen zur Kühlung des Kolosses wurden eingestellt. Beides deutete Brage als Hinweis dafür, dass die Sache mit der Spritze wohl doch nicht so funktionierte.
   "Macht Feierabend", riet Fahrenkroog, "geht nach Hause. Morgen sehen wir weiter."


Dorne schlenderte sogleich davon, Fahrenkroogs Handy klingelte, aber Teichmann rührte sich nicht vom Fleck.
   "Nimm Abschied, Teichmann", sagte Brage, "komm schon. Hat keinen Sinn mehr. Wenn's überhaupt je einen hatte."
Für Teichmann hatte es den zweifellos gehabt. Brage bemerkte, wie dessen Lippen zitterten und er kurz davor war zu flennen.


Also entschloss er sich, in Teichmanns Namen die letzten Worte zu sprechen. Er nahm seine wollene Mütze ab, quetschte sie verlegen in seinen Händen und zögerte doch, etwas zu sagen. Unter diesen Umständen klang ohnehin alles dumm, und er war so wieso der Falsche für so was.
  "Bringen wir's hinter uns", begann er, "am besten kurz und knapp. – Ich wünschte, sie hätten es uns leichter gemacht ... also, uns allen, dir und eben uns." Das klang wirklich dumm. "Wir haben's versucht. Wenigstens versucht. Aber das Unvermeidliche läßt sich eben nicht ändern."
Was gab's noch zu sagen, das Teichmann trösten könnte?  
"Du gehörst in einen Ozean und alles andere ist Mist. Also, wenn du nicht in deinen verdammten Ozean zurückfindest, dann ..." Brage rang um eine angemessenere Tonlage. "Ich wünsch dir jedenfalls, dass du ein guter Wal gewesen bist – im Navigieren ja anscheinenend nicht – also kurz und gut, ich wünsch dir, dass du in den Walhimmel kommst, wo alles besser ist als dieser Scheiß, den du hier mitmachen mußt." Hastig stülpte sich Brage die Mütze wieder über und stapfte rauf zur Promenade.


Dort hatte er sein Fahrrad abgestellt. Gerade als Brage den Schlüssel dazu aus seiner Geldbörse fischte, kam Teichmann herangestolpert, die Hände in den Taschen, fertig mit der Welt. "Hast schön gesprochen, Brage. Danke."
   "Ach, lass mal." Augenblicklich schwang sich Brage aufs Rad. Höchste Zeit, hier loszukommen.


Blaulicht flackerte durchs grüne Deichidyll. Die Schafe störten sich nicht dran, fraßen weiter, dachten nichts. Die Polizei sicherte von vier Seiten ein gepanzertes Fahrzeug ab, das in ihrer Mitte langsam vorwärtskroch. Sie karrten Sprengstoff heran, was sonst.
Irgendwelche Experten wollten Thiemos Problem auf ihre Weise lösen.
Schöne Sauerei wird das geben an meinem Strand, dachte Brage und ahnte, die Flut würde ihnen den Großteil der Arbeit nicht abnehmen.
Nur eines wusste er schon jetzt ganz sicher:
Morgen würde er nicht dahin fahren und den Strand aufräumen. Morgen ganz bestimmt nicht und danach wohl auch nicht mehr.



© Petra L. Ranff, 2005










Augenblicke

 

 

Der Nebel legte sich auf die Dächer und glitt an den Fenstern entlang, immer tiefer, fast bis auf die Straße. Er sammelte sich zwischen den Häusern und hüllte sie ein. Wie abgebrochen sahen die Antennen und Schornsteine aus. Die Fenster schienen, als seien sie von einem Schleier bedeckt. Die meisten waren noch dunkel und geheimnisvoll. Wie Spinnweben legte sich der Dunst über das Licht der Straßenlaternen.

 Ich war auf dem Weg zum Bahnhof. Eine unruhige Nacht machte mich unzufrieden, unzufrieden, wie ich es in den letzten Tagen öfters war. Ich wusste nicht warum. Immer wieder stand ich in dieser Nacht auf. Albträume plagten mich, doch ich konnte mich nicht mehr an sie erinnern. Ich stellte mich an das Fenster und schaute zum Mond, als könnte ich ihn in seiner Laufbahn anhalten. Der Mond war fast rund. Er grinste mich an, als würde er sich über mich amüsieren, weil ich frierend am Fenster stand. Eigentlich betrachtete ich den Mond sehr gerne, aber jetzt ärgerte er mich. Wieder im Bett, kuschelte mich in die Decke und versuchte zu schlafen. Aber ich schlief nicht. Ich stand sehr früh auf. Mir schmerzte der Kopf. Mein Gesicht schaute mir zerknittert aus dem Spiegel entgegen. Die Augenlider waren geschwollen. An diesem Morgen war es besonders schlimm. Ich konnte nicht in den Spiegel schauen, ohne mich zu ärgern. Ich zog mit den Fingern die  Augenbrauen nach, damit meine Stirn etwas glatter aussah. Mich beschäftigten Gedanken, die ich nicht kannte und die ich, glaube ich, auch nicht wissen wollte. So begann ich den neuen Tag und machte mich auf den Weg, um einen Freund zu besuchen.

 Die Straßen waren noch still und fast leer. Ein Lichtschein aus einem Haus zog mich an. Nahezu ebenerdig waren die Fenster in diesem alten Haus angebracht. Das erleuchtete Fenster sah so fremd aus inmitten der Dunkelheit, wie ein einzelnes Licht auf einem Gräberfeld. Lautlos näherte ich mich und schaute durch das Fenster. Ich sah eine Frau am Küchentisch sitzen. Die Haare waren ungekämmt. Ihr blauer Morgenmantel schimmerte im hellen Licht der Küche. Ein Kaffeebecher und ein Frühstücksteller standen vor ihr. Auf Regalen standen alte Kaffeemühlen und schönes Porzellan.

Ich sah den gebeugten Rücken der Frau, trotzdem wirkte ihre Haltung jugendlich. Warum dieses Bild mich faszinierte, konnte ich mir nicht erklären. Wahrscheinlich, weil es so gemütlich und beschaulich, so friedlich war. Ich sah der Frau zu, wie sie die Tasse zum Mund führte und wurde innerlich ruhiger. Ich begann die Nacht, meine Müdigkeit und auch ein wenig meine Unzufriedenheit zu vergessen.

Es kam mir vor, als hätte ich sehr lange in das Fenster geschaut. Die Frau konnte mich ja nicht sehen. Ich erschrak, als sie begann sich langsam zu mir umzudrehen. Mein Herz klopfte heftiger. Noch einmal nahm die Frau den Kaffeebecher und trank. Mit einer Hand hielt sie sich an der Tischkante fest. Mit der anderen hielt sie die Stuhllehne umfasst. Als käme eine Bedrohung auf mich zu, blieb ich gebannt stehen und wartete, dass die Frau mich anschauen und mir etwas zurufen würde. Vermutlich wäre sie ärgerlich und wütend.

Mit gesenktem Kopf  stand sie auf, rückte vorsichtig den Stuhl zu Seite. Schob ihn unter den Tisch. Sie hob den Kopf. Bestürzt schaute ich in ein junges von Narben gezeichnetes Gesicht, die Augen verdeckt mit einer fast schwarzen Brille. Die Frau schaute in die Richtung des Fensters. In meine Richtung. Sie lächelte, als ob sie wüsste, dass ich draußen stehe. Ich wollte gehen, aber ich rührte mich nicht. Noch immer lächelnd ging die Frau zurück zum Tisch. Sie erfühlte ihren Becher und trank ihn leer. Sie ertastete das Besteck und legte es auf den Teller. Dann nahm sie einen weißen Stock, der an der Tischkante gehangen hatte, der mir erst  jetzt auffiel. Sie strich mit der linken Hand über ihre Haare, als würde sie bemerken, dass sie noch ungekämmt war. Einen Moment hielt sie die Finger im Haar verflochten. Mit gestreckten  Rücken ging sie zur Tür. Ich löste mich von dem Anblick, duckte mich und lief gebückt und beschämt weiter, bis ich dieses Haus hinter mir gelassen hatte. Mir war, als hätte ich an einer Tür gelauscht. Ich fühlte, ich hatte die Intimsphäre dieser Frau verletzt. Meine Gedanken waren noch bei der Frau mit der schwarzen Brille, als ich weiter ging. Nach und nach erhellten sich die Fenster der umliegenden Häuser. Die Menschen in ihren Wohnungen erwachten.

 Jetzt musste ich mich beeilen. Meinen Zug würde ich vielleicht noch erreichen. Ich rannte. Mein Atem rasselte. Stiche spürte ich in der linken Seite. Atemlos kam ich am Bahnhof an, hetzte die Treppe zum Bahnsteig hinauf. Der Zug war abgefahren.

 Erschöpft ging ich wieder hinunter. Eine nicht mehr ganz junge Obdachlose saß auf der Treppe und trank aus einer Bierflasche. Verschiedene Taschen und Plastiktüten hatte sie sich mit einer dicken Schnur um den Leib gebunden. In der Hand hielt sie noch einen Beutel. Als wir auf gleicher Höhe waren, stand sie auf, ging neben mir durch die Unterführung. Ich roch ihren Atem und sah den Schmutz, ekelig. Ich wartete darauf, dass sie mich um Geld anbetteln würde. Lange überlege ich, ob ich vor ihren Augen meinen Geldbeutel herausnehmen sollte, ob ich Kleingeld hätte und ich ihr überhaupt etwas geben sollte. Sie überholte mich. Erst jetzt sah ich, wie krumm und alt sie war und wie ihre Haltung durch die Ausrüstung, wahrscheinlich ihr ganzes Hab und Gut,  sich zur linken Seite neigte. Sie war an mir vorbei gegangen, und ich atmete auf. Dann blieb  die Frau stehen und kam zurück. Sie  kam auf mich zu. Die Bierflasche hielt sie in der Hand, als wäre sie eine Kostbarkeit. Ich erkannte, wie klein die Frau war und wie fleckig der lange Rock. Sie hatte mehrere Pullover an und eine dicke Jacke. Die verschiedenen Längen der Kleidungsstücke schauten unter dem Anorak  hervor. Der war beschmiert und nass. Die ausgetretenen Schuhe mit den schiefen Absätzen hatten keine Schnürsenkel. Dicke verschiedenfarbige Socken hingen ausgeleiert über die Schuhe. Die Obdachlose stand vor mir. Den Beutel hatte sie zwischen ihre Beine gestellt, als hätte sie Angst, ich würde ihn ihr abnehmen. Sie hob ihr Gesicht. Ich schaute in glasige Augen. Eine Alkoholfahne wehte mir entgegen. Ich wendete mich ab. Die Obdachlose tippte mir mit der Bierflasche, an die Brust. Mir graute, als sie mich ansprach. Mit  belegter Stimme fragte sie:

„Bist du glücklich?“ Die Frage ängstigte und irritierte mich. Ich dachte an mein Erwachen am Morgen, an die Frau mit der Sonnenbrille beim Frühstück. Ich sah die Obdachlose vor mir, antwortete:

„Ja, ich glaube schon, ja.“

„Hast du es gut!“, sagte die Frau und nahm ihren Beutel auf. Kopfschüttelnd ging sie weiter und murmelte vor sich hin.
„Hast du es gut, hast du es gut.“




Astrid Hoerkens-Flitsch











 

Insel der wetterfesten Rentner

 

Ich sah sie schon im Zug auf dem Weg zur Küste - zum Fähranleger, wo das Schiff wartete, das uns zur Insel bringen sollte. Sie hatten ausnahmslos Platzkarten und machten die falsch Sitzenden freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam, dass sie nun weichen müssten.

Während die Frauen den Zustand der Sitze prüften und diese wie Glucken, die sich auf ihre Nester setzen, in Beschlag nahmen, wuchteten die Männer schwere Koffer in die Gepäckablagen. Ihre Muskeln bebten und ihre Gesichter zuckten; man sah, dass sie viel eingepackt hatten.

Sie setzten sich und nahmen etwas zu lesen zur Hand: die Frauen Illustrierte und die Männer die größte landesweit erscheinende Boulevardzeitung. Ungeniert betrachteten die Männer das schöne Mädchen von Seite eins. Die Frauen blieben gelassen: Ihre Männer hatten ohnehin keine Chancen mehr bei den schönen Mädchen von Seite eins. Kopfschüttelnd lasen die Männer die politischen Kommentare, und ihren Gesichtern war die Frage eingemeißelt, wie weit es noch abwärts gehen solle mit diesem unserem Land. Erst beim Sportteil entspannten sich ihre Mienen. Hier waren sie zu Hause, dies war ihr Metier, und sie suchten Gleichgesinnte in den Bänken vor, neben und hinter sich, um fachkundige Bemerkungen auszutauschen.

„Der FC Dingenskirchen steigt ab? Na, kein Wunder bei dem, was die sich die letzte Zeit zusammengespielt haben. Fortuna Sowieso steigt auf? Na, war auch überfällig.“

Anschließend benutzten die Männer ihre Boulevardzeitung als Unterlage, um darauf einen Apfel zu schälen.

 Der Zugbegleiter kam ins Abteil und kontrollierte die Fahrkarten. Sie zückten diese wie auf Kommando und hielten sie zum Abstempeln bereit. Jeden, der sein Ticket nicht sofort fand und Verdacht erregte, Schwarzfahrer zu sein, blickten sie mit einem Gesichtsausdruck an, als gäbe es in diesem Fall nur eins: sofortiges standrechtliches Erschießen. Sie flüsterten ihren Frauen ihre Gedanken zu, und die Frauen nickten wissend und verstehend.

Eine halbe Stunde, bevor der Zug sein Ziel erreichte, gingen sie einer nach dem anderen alle noch einmal zur Toilette. Anschließend begannen sie, ihre Koffer aus den Ablagen herunterzuwuchten, um sie vor die Ausgänge zu schieben und dort aufzustellen. Es gab kaum mehr ein Durchkommen.

Ich zwängte mich vorbei, weil ich ebenfalls einmal musste, und ich roch sauren Mundgeruch und süßes Rasierwasser - Rasierwasser, wie es außer von Rentnern allenfalls noch von Mathematik-Lehrern benutzt wird. Ich roch die Parfüms der Frauen, die eigens dazu entwickelt waren, in überfüllten und überheizten Cafés die Nebenplätze freizuhalten.

„Endhaltestelle, Sie brauchen sich nicht zu beeilen, der Zug bleibt stehen und wartet, bis alle ausgestiegen sind.“ Das hätte ich gerne zu ihnen gesagt, doch sie waren mit sich selbst beschäftigt und nahmen kaum noch etwas um sich herum wahr.

 Draußen sammelten sie sich wie eine Kompanie, die sich bereit macht zum Sturm auf die Insel. In lockerer Formation wechselten sie hinüber zum Fähranleger und betraten das Schiff. An Bord teilte sich der Weg: Rechts war der Bereich mit Restauration, links der ohne. Sie schwenkten alle nach links, und als ich zurückkam, um mich auf dem Schiff ein wenig umzusehen, fand ich heraus warum: Sie hatten alles dabei. Stullen, Obst, Gemüse, Thermoskannen -, den Service, der an Bord geboten wurde, ließen sie unbeachtet. Dementsprechend leer war der rechte Teil des Schiffs. Was mir Freude bereitete - mich im Urlaub mal richtig bedienen und verwöhnen lassen -, das schien für sie Verrat an einer tief eingeimpften Sparsamkeit zu sein. In ihren Gesichtern las ich den stummen Vorwurf: „Hat dieser Schnösel etwa so viel Geld, dass er sich den Aufenthalt dort drüben leisten kann? Wir hätten das früher nicht gekonnt.“

Doch vielleicht, so mein Verdacht, war ich gar nicht die Ursache für ihren geringschätzigen Ausdruck, vielleicht guckten sie immer so, und jeder konnte sich aus ihren Blicken die Vorwürfe herauslesen, die am besten zu ihm passten.

Auf dem Oberdeck hielten sie sämtliche Sonnenplätze besetzt. Sie schossen mit vollautomatischen Kameras Fotos von Seehundbänken - Seehunde, die später bestenfalls als kleine unscharfe Punkte zu sehen sein würden. Mir blieb nur ein zugiger Platz im Schatten, wo ich nicht lange blieb. Wieso nahm ich mir kein Beispiel und kam wind- und wetterfest wie sie? Wieso hatte ich noch immer keinen ultramarinen, lindgrünen oder signalroten, wasserabweisenden und luftdurchlässigen Anorak?

 Sie verließen das Schiff und gingen in kleinen Gruppen zum Bus, sie gingen so, dass es unmöglich war, zu überholen. Sie zeigten ihre Vergünstigungsausweise, die jedoch für die Inselbusse nicht galten. Ich versuchte einzusteigen, bat, man möge nach hinten durchgehen; zögernd kamen sie meinem Wunsch nach.

Der Bus fuhr ins Zentrum der Insel, wo die meisten ausstiegen. Endlich hatte ich Platz. Kurzentschlossen blieb ich bis zur Endhaltestelle sitzen, um dann am Ufer entlang zurückzuschlendern. Gern wäre ich auf der Promenade gegangen, doch die war fest in der Hand der Rentnerinnen und Rentner.

Auch unten am Wasser begegnete ich vereinzelt Mitgliedern jener Altersgruppe, die trotz der Eiseskälte des Wassers barfuß hindurchstapften, gleich so, als sei jeder Schritt eine gesundheitsfördernde Maßnahme, ein Gewinn an Lebenszeit von mindestens einer Viertelstunde. Das summiert sich. Kam daher ihre Vorliebe für ausgedehnte Wattwanderungen - wenn nicht gar tägliche Inselumrundungen? Ein Vergnügen war das gewiss nicht: scharfkantige Steine und Muscheln reizten die großstadtverwöhnten Füße, und ihre Münder, ehemals voll und rund, waren angesichts des Schmerzes zu schmalen und zusammengekniffen Schlitzen geworden.

 Das Haus, in dem ich meinen Urlaub verbringen wollte, war auf Selbstversorger ausgerichtet. So konnte ich zwar sparen, fand mich andererseits aber in einem Kurs für Haushaltsführung wieder, denn die Frauen, die in der Küche mit Porzellan und Besteck hantierten, beobachteten jede meiner Bewegungen.

Eine von ihnen fragte, ob ich ein ordentlicher Mensch sei.

„Nein, im Urlaub bin ich die größte Schlampe“, gab ich trotzig zur Antwort.

Sie und die anderen sahen mich prüfend an, um herauszufinden, ob etwas dran sei an meiner Aussage. Ich ignorierte sie und begann, meine Lebensmittel in jenes Fach des Kühlschranks einzuräumen, das sie mir zugeteilt hatten. Als ich einen Sechserpack Bier einlagerte, blieben ihre Münder offen stehen.

Waren sie auf die Insel gekommen, um ihren Urlaub in der Küche zu verbringen? Jeder Löffel, mit dem auch nur heiße Milch umgerührt worden war, wurde dreifach geschrubbt, gespült und abgetrocknet. Besteck und Porzellan waren nicht nur sauber, sondern porentief rein und hätte vermutlich Krankenhaus-Ansprüchen genügt. Hier konnte ich nicht nach der Devise verfahren „... und der Rest geht ins Handtuch“, denn die Handtücher wurden nach getaner Arbeit wie Beweismittel - mehr noch: wie Laken nach einer Hochzeitsnacht aufgehängt. Tatsächlich hatte der Stoff bei mir seine Jungfräulichkeit schon nach dem ersten Benutzen verloren, und dem Abbild nach musste es eine äußerst wilde Nacht gewesen sein. Meine Mitbewohnerinnen verdrehten die Augen, als wären sie Zeuge von etwas zutiefst Unanständigem geworden.

Dennoch sahen sie mir manches nach, vielleicht, weil ich ein männliches Wesen war und deshalb in ihren Augen von Haushaltsführung nicht viel verstehen konnte. Auch war ich nur halb so alt wie sie, und in mütterlicher Manier versuchten sie mir das ein oder andere beizubringen.

 So gründlich sie tagsüber ihre Küchen sauber und die Insel unsicher machten, die Promenade abmarschierten oder über Dünen kletterten, so sehr gaben sie sich abends dem Frohsinn hin. Sie besuchten Veranstaltungen für Kurgäste und bevölkerten die wenigen Lokale der Insel, damit auch jene Lebensgeister sich regten, die bislang noch nicht stimuliert worden waren. Wen kümmerte es, dass sie mir damit die letzten Nerven raubten? Denn ich konnte keine Gaststätte betreten, ohne mich Liedern ausgesetzt zu sehen wie: „Rut, rut, rut, rut sin de Ruse, Ruse, die isch an disch verschänkä ...“

Mir gefror das Blut in den Adern, wenn ich so etwas hörte. Doch auch in den nächsten Häusern war es mit „Viva Colonia“ und „Wor dat nich ne superjeile Zick?“ kaum besser bestellt. Der Frohsinn war derart überschäumend, dass ich es nirgendwo länger als ein paar Minuten aushielt. Wo sollte ich hin? Sie waren überall! Stimmung ohne Lieder, die allesamt wie Karnevalslieder klangen, schien es für sie nicht zu geben. Ich glaubte, nicht auf einer Insel, sondern mitten in der Kölner Altstadt angekommen zu sein, und ich hatte den Verdacht, dass mir eine genetische Veranlagung fehlte, die alle anderen besaßen. Nun wusste ich, warum die Einheimischen das Inselzentrum „Bermuda-Dreieck“ nannten.

Ein furchtbarer Racheplan kam mir in den Sinn: Ich könnte eine Polonäse eröffnen und die Ahnungslosen zuerst durch das Dorf und dann ins Watt hinaus führen - bei Ebbe. Wenn die Flut kam, hätte ich mich längst abgesetzt - und dann die Insel für mich allein. Doch blieb es bei der gedanklichen Revolte.

Tatsächlich hatten sich alle Kneipen, Cafés und Hotels auf die Generation sechzig eingestellt. Und ich war, wenn auch leider nicht mehr lange, immer noch. Nicht mehr jung zu sein und bereits mit dem ersten Glas Bier in der Hand schunkeln zu können, war die Eintrittskarte für diese Insel.

Doch die Zeit arbeitete für mich. In zwanzig Jahren würde ich wiederkommen, alles mitmachen, was ich jetzt ausließ und mich prächtig amüsieren.




Reinhard Strüven











 

Gespräche mit der Einsamkeit



Die Einsamkeit

 

jetzt hat sie mich
eigentlich hat sie mich schon lange
ich weiß nicht wie ich sie zum Teufel schicken sollte

sie kam angeschlichen
sie liess mich lachen
als ob alles in Ordnung wäre
so dass keiner etwas merkte
gemeine
jetzt hat sie mich
(und macht mit mir was sie will)





ich hätte dir nicht glauben sollen
du bist gemein
hast mich betrogen
hast gesagt so wird es besser
du wolltest
mich nur für dich haben
aus purem egoismus

ich hätte dir nicht glauben sollen
nicht mal einen Moment lang
nicht mal ein Wort
es ist vielleicht besser
für dich

ich hasse dich

ich kann dich nicht mal verlassen

aber eines Tages
eines Tages
werde ich mein Leben nicht mehr mit dir teilen
das wird dein Ende sein
ich sage dir adieu
meine liebe Einsamkeit





schon wieder du
ungebeten
verdammt
es ist deine Schuld
deine
deinetwegen bin ich jämmerlich
und heule
deinetwegen
verlor ich die Liebe bevor ich sie bekam
deinetwegen
glaube ich nicht
ich bin
eine Frau
geh endlich
hab genug von
deiner gierigen
Eifersucht
hörst du
lass mich sein
mit ihm





du bist doch geblieben
treu wie ein Hund
willst du noch nicht verrecken
dir geht es zu gut
ich hab dich betrogen
ich war mit ihm
du lachst
ich betrog mich selbst
er bedroht dich nicht
du vergibst mir
typisch für dich
wie lange willst du noch bleiben
bis der Tod uns scheidet
dann will ich jetzt sterben
nur um dich loszuwerden





was willst du noch hier
na hast du Lust auf Dreieck
jetzt kann ich dich rausschmeißen
leb wohl meine Liebe
ach du willst ein paar Sachen mitnehmen
vielleicht Fotos
ich hab dir deinen Koffer schon gepackt
nein ich will deine neue Adresse nicht
geh schon
du magst doch keine Abschiede
da ist die Tür
keine Sorge
du willst mir nicht fehlen





ach das bist du
ich habe dich lange nicht mehr gesehen
komm rein lass uns reden
vielleicht bist du gar nicht so schlimm
wenigstens beständig
in Gefühlen und Präsenz
immer bei mir
ich kann dir nicht mal übel nehmen dass du es bist
wieder mal nur du





meine Einsamkeit


ich hab mich mit ihr versöhnt
ich lass sie bleiben
obwohl ich sie nicht besonderes mag
und sie treibt mich zum Wahnsinn
aber was sind die anderen schon wert
eine Kollektion von Namen und Momenten
leeren Hoffnungen
und sie
sie ist einfach da
meine verdammte
meine gehasste
nur meine





... mit der Einsamkeit


kaltblütiger Wunsch
bestialischer Wunsch des Tötens
der Einsamkeit
des Mordes an ihr

ich sehe ihr tropfendes Blut
ich höre ihren Schrei
schaue zu wie sie sich krümmt
und um Gnade fleht
ich lache
ich lache und brenne sie mit heisser Kohle an
schneide ihr die Venen auf
beschimpfe sie
du Miststück
Du Hure
Und lache wieder
ich hasse
und lache
schaue ihrem Sterben zu
verrecke

ich schreie
reisse die Haare aus
weine
ich töte sie
ich töte

nein
sie lacht mich aus
verspottet mich
zeigt ihre Zähne im breitem Lächeln
sie hat mich besiegt
ich falle

dann wird sie mir einreden
es sei nichts passiert





na lächel mich doch an
sei nicht so eingeschnappt
hast schon wieder deinen Platz bei mir
unzertrennlich
ich bin gezwungen dich doch zu mögen
ich will nicht
glaub mir
ich habe keine andere Wahl
du lächelst
wusstest
dass das nur vorübergehende Verbannung war
mach dich nicht so wichtig
wir sind sowieso unzertrennlich
du und ich
in guten und in schlechten Zeiten





Anna Jakubowicz