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Insel der wetterfesten Rentner
Ich sah sie schon im Zug auf dem Weg zur Küste - zum Fähranleger, wo das Schiff wartete, das uns zur Insel bringen sollte. Sie hatten ausnahmslos Platzkarten und machten die falsch Sitzenden freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam, dass sie nun weichen müssten.
Während die Frauen den Zustand der Sitze prüften und diese wie Glucken, die sich auf ihre Nester setzen, in Beschlag nahmen, wuchteten die Männer schwere Koffer in die Gepäckablagen. Ihre Muskeln bebten und ihre Gesichter zuckten; man sah, dass sie viel eingepackt hatten.
Sie setzten sich und nahmen etwas zu lesen zur Hand: die Frauen Illustrierte und die Männer die größte landesweit erscheinende Boulevardzeitung. Ungeniert betrachteten die Männer das schöne Mädchen von Seite eins. Die Frauen blieben gelassen: Ihre Männer hatten ohnehin keine Chancen mehr bei den schönen Mädchen von Seite eins. Kopfschüttelnd lasen die Männer die politischen Kommentare, und ihren Gesichtern war die Frage eingemeißelt, wie weit es noch abwärts gehen solle mit diesem unserem Land. Erst beim Sportteil entspannten sich ihre Mienen. Hier waren sie zu Hause, dies war ihr Metier, und sie suchten Gleichgesinnte in den Bänken vor, neben und hinter sich, um fachkundige Bemerkungen auszutauschen.
„Der FC Dingenskirchen steigt ab? Na, kein Wunder bei dem, was die sich die letzte Zeit zusammengespielt haben. Fortuna Sowieso steigt auf? Na, war auch überfällig.“
Anschließend benutzten die Männer ihre Boulevardzeitung als Unterlage, um darauf einen Apfel zu schälen.
Der Zugbegleiter kam ins Abteil und kontrollierte die Fahrkarten. Sie zückten diese wie auf Kommando und hielten sie zum Abstempeln bereit. Jeden, der sein Ticket nicht sofort fand und Verdacht erregte, Schwarzfahrer zu sein, blickten sie mit einem Gesichtsausdruck an, als gäbe es in diesem Fall nur eins: sofortiges standrechtliches Erschießen. Sie flüsterten ihren Frauen ihre Gedanken zu, und die Frauen nickten wissend und verstehend.
Eine halbe Stunde, bevor der Zug sein Ziel erreichte, gingen sie einer nach dem anderen alle noch einmal zur Toilette. Anschließend begannen sie, ihre Koffer aus den Ablagen herunterzuwuchten, um sie vor die Ausgänge zu schieben und dort aufzustellen. Es gab kaum mehr ein Durchkommen.
Ich zwängte mich vorbei, weil ich ebenfalls einmal musste, und ich roch sauren Mundgeruch und süßes Rasierwasser - Rasierwasser, wie es außer von Rentnern allenfalls noch von Mathematik-Lehrern benutzt wird. Ich roch die Parfüms der Frauen, die eigens dazu entwickelt waren, in überfüllten und überheizten Cafés die Nebenplätze freizuhalten.
„Endhaltestelle, Sie brauchen sich nicht zu beeilen, der Zug bleibt stehen und wartet, bis alle ausgestiegen sind.“ Das hätte ich gerne zu ihnen gesagt, doch sie waren mit sich selbst beschäftigt und nahmen kaum noch etwas um sich herum wahr.
Draußen sammelten sie sich wie eine Kompanie, die sich bereit macht zum Sturm auf die Insel. In lockerer Formation wechselten sie hinüber zum Fähranleger und betraten das Schiff. An Bord teilte sich der Weg: Rechts war der Bereich mit Restauration, links der ohne. Sie schwenkten alle nach links, und als ich zurückkam, um mich auf dem Schiff ein wenig umzusehen, fand ich heraus warum: Sie hatten alles dabei. Stullen, Obst, Gemüse, Thermoskannen -, den Service, der an Bord geboten wurde, ließen sie unbeachtet. Dementsprechend leer war der rechte Teil des Schiffs. Was mir Freude bereitete - mich im Urlaub mal richtig bedienen und verwöhnen lassen -, das schien für sie Verrat an einer tief eingeimpften Sparsamkeit zu sein. In ihren Gesichtern las ich den stummen Vorwurf: „Hat dieser Schnösel etwa so viel Geld, dass er sich den Aufenthalt dort drüben leisten kann? Wir hätten das früher nicht gekonnt.“
Doch vielleicht, so mein Verdacht, war ich gar nicht die Ursache für ihren geringschätzigen Ausdruck, vielleicht guckten sie immer so, und jeder konnte sich aus ihren Blicken die Vorwürfe herauslesen, die am besten zu ihm passten.
Auf dem Oberdeck hielten sie sämtliche Sonnenplätze besetzt. Sie schossen mit vollautomatischen Kameras Fotos von Seehundbänken - Seehunde, die später bestenfalls als kleine unscharfe Punkte zu sehen sein würden. Mir blieb nur ein zugiger Platz im Schatten, wo ich nicht lange blieb. Wieso nahm ich mir kein Beispiel und kam wind- und wetterfest wie sie? Wieso hatte ich noch immer keinen ultramarinen, lindgrünen oder signalroten, wasserabweisenden und luftdurchlässigen Anorak?
Sie verließen das Schiff und gingen in kleinen Gruppen zum Bus, sie gingen so, dass es unmöglich war, zu überholen. Sie zeigten ihre Vergünstigungsausweise, die jedoch für die Inselbusse nicht galten. Ich versuchte einzusteigen, bat, man möge nach hinten durchgehen; zögernd kamen sie meinem Wunsch nach.
Der Bus fuhr ins Zentrum der Insel, wo die meisten ausstiegen. Endlich hatte ich Platz. Kurzentschlossen blieb ich bis zur Endhaltestelle sitzen, um dann am Ufer entlang zurückzuschlendern. Gern wäre ich auf der Promenade gegangen, doch die war fest in der Hand der Rentnerinnen und Rentner.
Auch unten am Wasser begegnete ich vereinzelt Mitgliedern jener Altersgruppe, die trotz der Eiseskälte des Wassers barfuß hindurchstapften, gleich so, als sei jeder Schritt eine gesundheitsfördernde Maßnahme, ein Gewinn an Lebenszeit von mindestens einer Viertelstunde. Das summiert sich. Kam daher ihre Vorliebe für ausgedehnte Wattwanderungen - wenn nicht gar tägliche Inselumrundungen? Ein Vergnügen war das gewiss nicht: scharfkantige Steine und Muscheln reizten die großstadtverwöhnten Füße, und ihre Münder, ehemals voll und rund, waren angesichts des Schmerzes zu schmalen und zusammengekniffen Schlitzen geworden.
Das Haus, in dem ich meinen Urlaub verbringen wollte, war auf Selbstversorger ausgerichtet. So konnte ich zwar sparen, fand mich andererseits aber in einem Kurs für Haushaltsführung wieder, denn die Frauen, die in der Küche mit Porzellan und Besteck hantierten, beobachteten jede meiner Bewegungen.
Eine von ihnen fragte, ob ich ein ordentlicher Mensch sei.
„Nein, im Urlaub bin ich die größte Schlampe“, gab ich trotzig zur Antwort.
Sie und die anderen sahen mich prüfend an, um herauszufinden, ob etwas dran sei an meiner Aussage. Ich ignorierte sie und begann, meine Lebensmittel in jenes Fach des Kühlschranks einzuräumen, das sie mir zugeteilt hatten. Als ich einen Sechserpack Bier einlagerte, blieben ihre Münder offen stehen.
Waren sie auf die Insel gekommen, um ihren Urlaub in der Küche zu verbringen? Jeder Löffel, mit dem auch nur heiße Milch umgerührt worden war, wurde dreifach geschrubbt, gespült und abgetrocknet. Besteck und Porzellan waren nicht nur sauber, sondern porentief rein und hätte vermutlich Krankenhaus-Ansprüchen genügt. Hier konnte ich nicht nach der Devise verfahren „... und der Rest geht ins Handtuch“, denn die Handtücher wurden nach getaner Arbeit wie Beweismittel - mehr noch: wie Laken nach einer Hochzeitsnacht aufgehängt. Tatsächlich hatte der Stoff bei mir seine Jungfräulichkeit schon nach dem ersten Benutzen verloren, und dem Abbild nach musste es eine äußerst wilde Nacht gewesen sein. Meine Mitbewohnerinnen verdrehten die Augen, als wären sie Zeuge von etwas zutiefst Unanständigem geworden.
Dennoch sahen sie mir manches nach, vielleicht, weil ich ein männliches Wesen war und deshalb in ihren Augen von Haushaltsführung nicht viel verstehen konnte. Auch war ich nur halb so alt wie sie, und in mütterlicher Manier versuchten sie mir das ein oder andere beizubringen.
So gründlich sie tagsüber ihre Küchen sauber und die Insel unsicher machten, die Promenade abmarschierten oder über Dünen kletterten, so sehr gaben sie sich abends dem Frohsinn hin. Sie besuchten Veranstaltungen für Kurgäste und bevölkerten die wenigen Lokale der Insel, damit auch jene Lebensgeister sich regten, die bislang noch nicht stimuliert worden waren. Wen kümmerte es, dass sie mir damit die letzten Nerven raubten? Denn ich konnte keine Gaststätte betreten, ohne mich Liedern ausgesetzt zu sehen wie: „Rut, rut, rut, rut sin de Ruse, Ruse, die isch an disch verschänkä ...“
Mir gefror das Blut in den Adern, wenn ich so etwas hörte. Doch auch in den nächsten Häusern war es mit „Viva Colonia“ und „Wor dat nich ne superjeile Zick?“ kaum besser bestellt. Der Frohsinn war derart überschäumend, dass ich es nirgendwo länger als ein paar Minuten aushielt. Wo sollte ich hin? Sie waren überall! Stimmung ohne Lieder, die allesamt wie Karnevalslieder klangen, schien es für sie nicht zu geben. Ich glaubte, nicht auf einer Insel, sondern mitten in der Kölner Altstadt angekommen zu sein, und ich hatte den Verdacht, dass mir eine genetische Veranlagung fehlte, die alle anderen besaßen. Nun wusste ich, warum die Einheimischen das Inselzentrum „Bermuda-Dreieck“ nannten.
Ein furchtbarer Racheplan kam mir in den Sinn: Ich könnte eine Polonäse eröffnen und die Ahnungslosen zuerst durch das Dorf und dann ins Watt hinaus führen - bei Ebbe. Wenn die Flut kam, hätte ich mich längst abgesetzt - und dann die Insel für mich allein. Doch blieb es bei der gedanklichen Revolte.
Tatsächlich hatten sich alle Kneipen, Cafés und Hotels auf die Generation sechzig eingestellt. Und ich war, wenn auch leider nicht mehr lange, immer noch. Nicht mehr jung zu sein und bereits mit dem ersten Glas Bier in der Hand schunkeln zu können, war die Eintrittskarte für diese Insel.
Doch die Zeit arbeitete für mich. In zwanzig Jahren würde ich wiederkommen, alles mitmachen, was ich jetzt ausließ und mich prächtig amüsieren.
Reinhard Strüven
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